TU-BERLIN Ergänzungen zur Vorlesung TWK an der TU-Berlin
Inst. f. Ökologie

Vegetationsökologie Tropischer & Subtropischer Klimate
LV-TWK-Kehl
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  Alles ist immer gefährdet
  Tiere, Pflanzen, Völker, Frauen - unsere Sorge um Bedrohtes wächst von Tag zu Tag
   
  von Wolfgang Pauser in DIE ZEIT, Nr. 39, S. 89, vom 22. Sept. 1995
   
   
 

Es begann mit den aussterbenden Tieren. Nachdem sich die Menschheit jahrtausendelang Sorgen gemacht hatte über die Anwesenheit von Bären in den Wäldern, galt mit einem Male die Sorge deren Abwesenheit [und aktuell wieder deren Anwesenheit, Anmerkung Autor]. Zuerst erweckten nur die verschwundenen Tiere nostalgische Gefühle, dann auch die, die möglicherweise einmal verschwunden sein werden. Die Dinosaurier, verschwunden, bevor wir sie auch nur hätten kennenlernen können, wurden in Hollywood wiederbelebt zu digitalen Leithammeln der Tiernostalgiebewegung.

Bald traten Pflanzen an die Seite der gefährdeten Tiere. Vom Aussterben bedrohte Pflanzen haben den Nachteil, daß sie meist unbekannt sind, und auch nicht so spektakulär mythisch wie Elefant und Jaguar. Anfangs war es nicht leicht, für das immer seltener werdende südargentinische Niedersteppenkraut norddeutsche Emotionen zu wecken. So mußte ein abstrakter Begriff, die Artenvielfalt, die Anschauung des nie Geschauten, möglicherweise aber bald nicht mehr Anschaubaren ersetzen. Artenvielfalt ist eine Vorstellung, die einen Quantitätsbegriff mit dem Versprechen des Bunt-Sinnlichen verbindet: ein Konzept, das nur einer Konsumgesellschaft entsprungen sein kann, die sich auch noch das sichern will, was sie konkret wohl nie konsumieren wollen und können wird.

Wenn sich auch die Trauer über den Rückzug der gemeinen Kopflaus und der kurzbeinigen Bettwanze [siehe beide rechts oben!] in Grenzen hält - die Diskussion über die Vernichtung des letzten Pockenvirus hat jenseits aller Sachargumente auch etwas Rührendes. Wunderlich ist nur, daß die Artenschützer sich so wenig getröstet fühlen, wenn man sie auf die baldige Überkompensation des Tierverschwindens durch gentechnologisch erzeugte neue Bakterien und andere hybride Wesen hinweist. Eine zum Artenschutz spiegelbildliche Bewegung, die hoffend und sehnend den ankommenden neuen Tierarten entgegenfieberte, wurde noch nicht gesichtet. Vielleicht, weil das Teddybär-Syndrom als emotionale Grundlage der Tierbegeisterung ohne das Element des Vergangenen und Verlorenen nicht funktionieren kann. Schließlich macht erst das Verschwinden, und sei es nur als mögliches Verschwinden, Tiere und Pflanzen jenseits des eigenen Erfahrungsbereichs für Gefühle attraktiv.

Wer sich für alles Gefährdete engagiert, dem stellen sich knifflige Fragen, sobald ein Stück Natur - naturgemäß - sich über ein anderes hermacht. Für wen soll man Partei ergreifen, wenn der Borkenkäfer den Wald ganz gemein attackiert? Handelt man nicht naturwidrig und nach typisch menschlichem Eigennutz, wenn man das Rind mehr schätzt als die armen kleinen Verursacher seines Wahnsinns? Nur aus göttlicher und ökofundamentalistischer Perspektive befinden sich ein ausbrechender Vulkan und die Tierwelt seiner Umgebung in einem harmonischen natürlichen Gleichgewicht.

Gefährdetheit ist eine offenbar ansteckende Kategorie, sie wuchert so prächtig wie die gar nicht gefährdeten Bakterien. Längst hat sie die Natur verlassen und auf den Menschen übergegriffen. Kinder zum Beispiel - sind sie etwa nicht gefährdet? Frauen sowieso. Frauen sind wandelnde Gefährdetheiten. Nicht zuletzt deshalb ist längst auch der Mann gefährdet - als Mann. Alte Menschen waren immer schon gefährdet, lange bevor sie sich als gefährdet betrachten konnten. Der Stadtmensch ist von der Stadt gefährdet, der Landmensch ist gefährdet, bald ein Stadtmensch zu werden, beide sind von der Umwelt gefährdet und gefährden die Umwelt.

Gefährdung ist ein verallgemeinerbarer Begriff, denn er benennt keine Wirklichkeit, sondern nur eine Möglichkeit. Da alles, was ist, möglicherweise einmal nicht sein könnte, gibt es für die Behauptung der Gefährdetheit keine Grenzen. Der Wunsch, selber bemitleidet zu werden, münzt sich um in Dauermitleid für den Rest der Welt. Da der Bedarf an Beteuerungsformeln des Selbstmitleids mit zunehmendem Wohlstand steigt, ist eines sicherlich nicht gefährdet: das Gerede von der Gefährdung.

Ganz besonders gefährdet sind Minderheiten hinsichtlich ihrer Eigenschaft, Minderheiten zu sein. Denn mit fortschreitender Selbstethnologisierung der Gesellschaft gibt es bald niemanden mehr, der sich nicht einer Minderheit zugehörig fühlen möchte. Man muss langsam beginnen, sich um die letzten authentischen Punks, Yuppies, Hells Angels, Wandervögel und Spießbürger Sorgen zu machen.

Wahrhaft gefährlich aber wird der Gefährdungsgedanke, sobald man das Artenschutzprinzip auf ethnische Minderheiten anwendet. Denn dabei naturalisiert man ein kollektives Selbstbild, interpretiert die Kultur in einer biologischen Metapher und billigt ihnen die Pflege eines Nationalismus zu, der bei der „Mehrheit“ nicht tolerabel wäre. Wer den Nationalismus von Minderheiten fördert, darf sich nicht wundern, wenn danach auch die Mehrheit nach „nationaler Identität“ dürstet.

Nach den Tieren, Pflanzen, Menschen und Kulturen kamen die Dinge dran. Kaum der immer kürzer werdenden Gebrauchsphase entronnen, wird heute jedes Ding zum Artefakt und ist damit auch gefährdet. Die Kaffeetassen der vierziger Jahre, die Perlmuttknopfvariationen der fünfziger Jahre, die Plastikautositze der sechziger Jahre - sollen wir alles retten, archivieren, musealisieren? Hat alles, was je auf der Bühne der Welt erschienen ist, dadurch an sich schon Wert und Recht auf ewige Konservierung?

Wenn ja, dann ist die Weltgeschichte vorgezeichnet als ein Weg zur Arche Noah, zum universalen Zoo mit zwei Exemplaren pro Gattung, zum totalen Museum aller je gewesenen Dinge. Aus der Natur wird ein Naturpark, und auch die Menschen sind dann nur noch Darsteller von Lebensformen, die einstmals Formen des Lebens gewesen waren. Die Welt wird zu einem einzigen großen Jurassic Park, zur Ausstellung ihrer selbst.

Zugegeben, der bedingungslose Fortschrittsglaube, der die Bestände der Natur und Kultur nur als das kannte, was zu überwinden sei, war einseitig und naiv. Doch seine spiegelbildliche Verkehrung, der Diskurs der Gefährdetheiten, der neue Imperativ der Konservierung, ist es nicht minder. Die Vielfalt der Natur, aber auch der Kultur, sind entstanden aus der Veränderungs- und Überwindungsdynamik, nicht aus der Konservierung. Schont und hegt man sie, so nimmt man ihr paradoxerweise die Entfaltung ihrer Möglichkeit. Gerettete Natur ist keine mehr, denn sie ist um ihr eigenes Prinzip gebracht.

Natur und Kultur haben zumindest dies gemeinsam, dass sie von sich selbst gefährdet sind und aus ihrer Selbstüberwindung heraus gedeihen. Nichts ist der Natur fremder, als ihre Schonung, nichts widernatürlicher als das Prinzip der Verewigung. Weder Fortschritt noch Konservierung taugen zu absoluten Werten. Wo nur noch Rettung ist, wächst das Gefährdete nimmermehr.

Die chemische Industrie gefährdet die Natur, das Beharren auf dem angeblich Natürlichen gefährdet die Kultur. Was sein soll, ist aus der stets wahren Tatsache der Gefährdetheit nicht abzuleiten. Was lebt, ist auch gefährdet. Und nur, was gefährdet ist, lebt.

Am Ende dieser Zeilen hab’ ich es geschafft. Guter Mensch bin ich keiner mehr. Dafür bin nun auch ich - gefährdet.

  • Die nach wie vor - m.E. - aktuelle Glosse wurde dem Verfasser dieser Seiten freundlicherweise von Dr. Wolfgang Pauser zur Verfügung gestellt und wird mit Erlaubnis der DIE ZEIT-Redaktion hier wiedergegeben.
 
 
 
© Dr. H. Kehl / TU-Berlin - Institut für Ökologie