TU-BERLIN Erläuterungen zur Vorlesung TWK an der TU-Berlin
Inst. f. Ökologie
LV-TWK-Kehl
ZM41
PD Dr. H. Kehl
Vegetationsökologie Tropischer & Subtropischer Klimate

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S. A7-01
   
   
  Vereinbarkeit von Ökologie u. Ökonomie  
 

Wenn die Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie nicht nur angenommen, sondern als Bedingung einer Icon für externe Hyperlinksnachhaltigen Umweltnutzung gefordert wird, ist eine kritische Auseinandersetzung mit einer ausschliesslich Profit orientierten und Wachstum maximierenden Ökonomie dringend geboten. Dies auch vor dem Hintergrund der Icon für externe HyperlinksAgenda 21 (Rio de Janeiro, 1992) sowie der Icon für externe HyperlinksJohannesburg-Deklaration Icon für PDF-Files 551KB (2002 - deutsch / BMU), in denen explizit eine nachhaltige und umweltverträgliche Entwicklung eingefordert wird, in welcher Menschen dieser und folgender Generationen weltweit einen Anspruch haben auf ein gesundes, produktives und würdevolles Leben im Einklang mit der Natur.

Die Umsetzung dieser Forderungen lässt jedoch nach wie vor sehr zu wünschen übrig. Dies hat sicher auch damit zu tun, dass das "Spannungsverhältnis von Ökologie und Ökonomie" auf grundlegend unterschiedliche Einschätzungen von Selbstverständnissen, Funktionen und Bedeutungen der Menschen zurückgeht.

Schon Mitte des 20. Jahrhunderts wusste der grosse Ökologe Aldo Leopold (1887 - 1948), "ein Erhaltungssystem, das allein auf den ökonomischen Eigennutz setzt, ist hoffnungslos einseitig. Es neigt dazu, viele Elemente der ländlichen Gemeinschaft zu ignorieren und damit schliesslich auszuschalten, die keinen kommerziellen Wert haben, die aber (soweit wir wissen) für ihr Wohlergehen lebenswichtig sind." (Aldo Leopold, 1949: A Sand County Almanac.- Ballantine, New York, S.25.- Zit. in: Global 2000, Der Bericht an den Präsidenten, S. 699)

Für die internationale Umweltplanung sowie ressourcenbezogene Forschung ist daher - neben der sehr detaillierten Kenntnis der jeweiligen naturräumlichen Bedingungen - nicht nur die Berücksichtigung, sondern vor allem die Akzeptanz von traditionellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Voraussetzung (vgl. nächsten Absatz!) für den ge- sowie erwünschten Wissenstransfer bzw. jegliche effiziente Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Jedem Akteur der EZ sollte bewusst sein, dass die Massstäbe für Fairness, Moral und Ethik kulturbedingt und vielfältig sind (d.h. von Kultur zu Kultur verschieden, cf. Fehr et al. 2002). Und bzgl. Kommunikation, Selbsteinschätzung und Definitionshoheit sollte eigentlich nicht erwähnt werden müssen, dass Kulturen in ihren jeweiligen Umwelten eine eigene Geschichte haben und absolut gleichberechtigt sind.

Die immer von Icon für externe Hyperlinksökonomischen Zielvorstellungen motivierten Aktivitäten der Geberländer haben viel zu häufig den eigenen Bedürfnissen grössere Priorität gegeben als denen der Nehmerländer, was sich überdeutlich im 'Washington Consensus" manifestierte (Dreiklang aus Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung). Die Demokratisierungsrhetorik und die damit einhergehende "Leidenschaft für freie Märkte" (vgl. Noam Chomsky, 2000, in "Profit over People" und andere) waren und sind immer verbunden mit einem Werteexport der Geberländer (sogen. "soft power" Instrumente) und der Ignoranz, Intoleranz und Arroganz gegenüber genuinen Wertvorstellungen in Nehmerländern. Und bzgl. der angeblichen "Unterstützung" merkte Icon für externe HyperlinksJean Ziegler (u.a. UN-Sonderberichterstatter) sehr zu recht an: "Es kommt nicht darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen" (vgl. Icon für externe HyperlinksDas Imperium der Schande ... , Bertelsmann Verlag 2005, und Icon für externe HyperlinksDer Hass auf den Westen..., Bertelsmann Verlag 2009). Das sogenannte 'Entwicklungspolitik' hauptsächlich den Eigeninteressen der Geberländer dient, wird aktuell von Jörg Goldberg in seiner fundierten Recherche "Afrika im globalen Kapitalismus - Ein Kontinent zwischen Überleben und Entwicklung." eindringlich beschrieben.

Konkret könnte dies heissen, dass z.B. für die Entwicklung eines nachhaltigen und ökologisch angepassten Landbaus in den von den Icon für externe HyperlinksUnited Nations (aus der Perspektive der 'entwickelten Industrieländer') sogenannten LDCs (least developed countries), LLDCs (landlocked developing countries) bzw. LICs (low income countries) sowie TDCs (transit developing countries) die Berücksichtigung der Erfahrungen und des Wissens vieler Generationen der einheimischen Bevölkerung und die Berücksichtigung der "speziellen ökonomischen und politischen, religiösen und kulturellen Zwänge vor Ort" (cf. Pimm & Jenkis 2005: 78) Voraussetzung für jeglichen Erfolg der EZ ist.

Aus ökologischer Perspektive ist darüber hinaus im wirtschaftsorganisatorischen Bereich

  • ausdrücklich auf Nachfrage- und Opportunitätsorientierung zu achten (im Gegensatz zur Ressourcen verschwendenden und Konsum maximierenden Angebots- und Durchführungsorientierung) (cf. Berthold Kuhn 2001 - "Erfolgreiches Management von Entwicklungskooperation - Europas Beitrag zu einer globalen Herausforderung" Icon für externe HyperlinksVersion 2003 Icon für PDF-Files 551KB). [date of access: 17.11.2005]

Die auf neoliberalem Druck von multilateralen Institutionen, vor allem aber internationalen Bank-Konglomeraten (z.B. World Bank, International Monetary Fund [IMF], tw World Trade Organisation [WTO] vorher GATT, aber auch der "privately owned Federal Reserve" [FED] - vgl. Icon für externe HyperlinksWikipedia [Hinweis] und diversen Entwicklungsbanken) sowie transnationaler Unternehmen durchgesetzen (auch oktroyierten) Strukturanpassungsmassnahmen (Icon für externe Hyperlinksstructural adjustment policies - SAPs) in Verbindung mit der Forderung nach häufig unfairer und einseitiger Öffnung der Märkte (z.B. durch die World Trade Organisation - WTO), haben zu immensen sozialen Problemen (vor allem Verschuldung der Länder, Armut und Entwurzelung der Einzelnen, Zusammenbruch des Gesundheitswesens und der schulischen Grundausbildung etc.), aber auch ökologischen Problemen (Monokulturen, Entwaldungen, Bodenzerstörungen) in weiten Teilen der sogen. "Dritten Welt" geführt. Die Export orientierten Grossplantagen zur Agrosprit -, Futtermittel-, oder auch Billigfleisch-Erzeugung für die Märkte der nördlichen Hemisphäre sind unrühmliche Beispiele.

Verschlimmert wird die Situation nun noch durch die internationale Icon für externe HyperlinksSpekulation mit Nahrungsmitteln und durch zunehmende Inbesitznahme (Kauf, Pacht) von fruchtbaren Agrarflächen in Entwicklungsländern (sogenanntes Icon für externe Hyperlinks"land grabbing").

  • "Das jüngste Weltwirtschaftsforum in Davos diskutierte über die Frage: »Wird der Boden bald teurer als Öl?« Geleitet wurde die Runde vom Bonner Agrarforscher Joachim von Braun, der eine Zuspitzung der Lage erwartet. »Staaten, die wenig Wasser- und Nahrungsmittelressourcen haben, wollen sich nicht mehr auf den Welthandel verlassen und kaufen nun in Entwicklungsländern Land, um ihre Versorgung zu sichern«, sagt er. »Innerhalb von zwei Jahren hat das zum Aufkauf oder zur Pacht von Land von mehr als der Ackerfläche Deutschlands geführt.«" (Zitat aus DIE ZEIT vom 13.2.2010, von Anna Marohn, unter dem Titel Icon für externe Hyperlinks "Land für die große Spekulation". [date of access: 28.02.2010]

Hinzu kommt aktuell die Weltwirtschaftskrise als Folge der Banken- und Finanzkrise, ausgelöst durch Spekulationsexzesse, ungezügelte Habgier und grenzenlosen Egoismus, hauptsächlich in den Kathedralen des (Raubtier-)Kapitalismus einiger Industrieländer. Betroffen sind am stärksten die schwachen Volkswirtschaften der sogen. "Dritten Welt". Die schlimmen Folgen sind Massenarbeitslosigkeit und Hunger, d.h. hier ist mit einer humanitären Katastrophe zu rechnen, wie das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) befürchtet.

  • Eine nachhaltige und umweltverträgliche Entwicklung ist unter den genannten Bedingungen nahezu unmöglich.
  • Des weiteren zeigte sich wiederholt, dass ökonomische Grundsätze der sogen. "Ersten Welt" nicht einfach von einer Kultur auf die andere übertragbar sind (vgl. Sie zu dieser Problematik Icon für externe Hyperlinks WEED - Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung mit diversen Beiträgen).

Wer nur ein wenig über den Tellerrand der traditionellen (westlichen) Ökonomie schaut, wird erkennen, dass die reduzierte Kunstfigur des rationalen und egoistischen Homo oeconomicus utilitaristischer Einseitigkeit - als wirklichkeitsfremde (Aus)Geburt westlichen Denkens - ein höchst fragwürdiges Modell ist. Es entpuppt sich als eine suggerierte Wirklichkeit interessierter Kreise (z.B. einiger neoliberaler Wirtschafttheoretiker?), als nützliche Fiktion.

  • Erkenntnisse der Entscheidungs- u. Spieltheorie beweisen zunehmend einen Homo sociologicus, für den Dauerhaftigkeit und Dichte sozialer Netzwerke auf den intrinsischen Werten ‚Vertrauen' und 'Verantwortung' gegründet sind - Vertrauen und Verantwortung (auch in der EZ), denen moralisch verpflichtende Normen innerhalb der Gemeinschaft zugrunde liegen; wo Teilen und Helfen, Gleichheit und Gerechtigkeit bedeutende und der rücksichtslose, egoistische Utilitarismus abgelehnte Werte sozialen Verhaltens sind. "Zunehmend entzieht (damit) die Spieltheorie dem (allzu) schlichten anthropologischen Modell der klassischen Ökonomie den Boden." (Julian Nida-Rümelin in der FAZ vom 04.04.2002).

Damit wird allerhöchste Zeit, sich der experimentellen Wirtschaftsforschung (auch "Moderne Mikroökonomie") zuzuwenden, z.B. vertreten von Icon für externe HyperlinksReinhard Selten oder Icon für externe Hyperlinks Ernst Fehr. Ihre Forschungen zeigten, dass menschliches Verhalten wesentlich von sozialen Normen und Bezügen, von Werten und von Reziprozität geprägt ist. Wirtschaft aus dieser Perspektive muss in keinem Gegensatz zu einer ökologisch begründeten, d.h. auf Nachhaltigkeit zielenden, Nutzung unserer Umwelt stehen. [date of access: 30.04.2005]

Auch kann ökologische Komplexität mit dem linearen und vereinfachenden (technokratischen) Ursache-Wirkung-Denken vieler Ökonomen nicht verstanden werden. In unserer Umwelt haben wir es mit vielfältigen kybernetischen Wechselwirkungen zu tun, die zurzeit wohl nur systemtheoretisch am besten beschrieben werden können (vgl. Sie Ludwig von Bertalanffy 1990 und Frederic Vester 2002). Durch Aufhebung starrer Betrachtungsweisen wird hier in der LV wenigstens ansatzweise versucht, diesem Umstand Rechnung zu tragen.

 
 

Vergleichen Sie zum Thema:

Icon für externe Hyperlinks Jahrbuch Ökologische Ökonomik
Icon für externe Hyperlinks TU-Berlin, Fak.VII, ILaUP, FG Vergleichende Landschaftsökonomie
Icon für externe Hyperlinks TU-Berlin, Fak.VIII, Inst. f. VWL und Wirtschaftsrecht, FG Umweltökonomie und Wirtschaftspolitik
Icon für externe Hyperlinks International Society of Ecological Economics (ISEE)
Icon für externe Hyperlinks Studies in Ecological Economics (Lit. leider sehr teuer nicht nur für Studenten!)
Icon für externe Hyperlinks FU-Berlin, Forschungsstelle für Umweltpolitik

[date of last access: 17.11.2005]

Zum sogenannten "freien Markt" und seinen Folgen etc.:

  • Becker, H.A. & F. Vanclay (2003, edit.) The International Handbook of Social Impact Assessment.- Edward Elgar Publishing. (352pp, £95)

  • George, Susan (1990) A Fate Worse Than Debt.- Grove Weidenfeld, New York.
    • "Debt is an efficient tool. It ensures access to other peoples’ raw materials and infrastructure on the cheapest possible terms. Dozens of countries must compete for shrinking export markets and can export only a limited range of products because of Northern protectionism and their lack of cash to invest in diversification. Market saturation ensues, reducing exporters’ income to a bare minimum while the North enjoys huge savings. The IMF cannot seem to understand that investing in … [a] healthy, well-fed, literate population … is the most intelligent economic choice a country can make." (pp. 143, 187, 235)
      Icon für externe Hyperlinks
      Susan George in Wikipedia

  • Goldberg, J. (2008) Überleben im Goldland - Afrika im globalen Kapitalismus.- Neue Kleine Bibliothek 135, 249 S..
    • "Die Entwicklungspolitik der Industrieländer, euphemistisch als Entwicklungszusammenarbeit (EZ) bezeichnet, besteht nur zum Teil – und zwar zum weniger wichtigen – aus Entwicklungsfinanzierung. Tatsächlich wurden und werden mit der EZ politische Konzepte transferiert. Je ärmer und abhängiger die Entwicklungsländer sind, desto weniger können sie die als Beratung und ‚Politikdialog’ angebotene Unterstützung ablehnen, schreibt Jörg Goldberg in seinem neuen Afrika-Buch" (aus Besprechung in WEED), Icon für externe HyperlinksVerlags-Besprechung . [date of access: 30.02.2010]

  • Haas, P.M. (2003, edit.) Environment in the New Global Economy.- Edward Elgar Publishing. (2 Vol., 1304pp, £295)

  • Klein, Naomi (2006) "Die Schock-Strategie".- Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 763 Seiten.
    Icon für externe Hyperlinks
    "Der Terror des freien Marktes", eine Rezension des Buches von Johannes Kaiser in DeutschlandRadio Kultur am 09.10.2007.

  • Perkins, John (2005) "Bekenntnisse eines Economic Hit Mann - Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia".- Verlag Riemann München, 382 Seiten.
    Icon für externe Hyperlinks Rezension des Buches in DeutschlandRadio Kultur von Johannes Kaiser am 20.04.2005.

  • Ziegler, Jean (2002) Wie kommt der Hunger in die Welt? - Goldmann Verlag .

  • Ziegler, Jean (2005) Das Imperium der Schande - Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung.- Bertelsmann Verlag (€ 19,90)

  • Ziegler, Jean (2009) Der Hass auf den Westen - Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.- Bertelsmann Verlag (€ 19,95)
 
 
LV-TWK-Kehl
© Harald Kehl - TU-Berlin - Institut für Ökologie



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