"Konventionelles Naturverständnis vs. pragmatischer Umweltschutz.
Ein unlösbarer Konflikt?"

 


PD Dr. habil. Harald Kehl
TU-Berlin, Inst. f. Ökologie

Vortrag an der Ev. Akademie Iserlohn am 29. Febr. 2000 im Rahmen der Tagung:
"Natur unter Druck - Kooperative Wege für den Naturschutz, vom Landschaftsverbrauch zum Landschaftsgebrauch"

  Wann wird man die Ausbeutung der Erde beenden?
Wohin wird die Gier noch führen?

Gaius Plinius Secundus (23-79) in Historia Naturalis zum Raubbau an der Erde
back
English (shortened)
Zusammenfassung
Abstract
Einführung
1
1.1
1.2
2
3
3.1
3.2
4
5

Zusammenfassung:

Ideologisch belastete Diskussionen um Naturschutz, Artenvielfalt und -erhalt sowie die vielfach postulierte Unverträglichkeit von Ökologie und Ökonomie bestimmen seit einiger Zeit die Debatte um den 'richtigen' Umweltschutz. Natur und "Natürlichkeit" geniessen große Popularität und haben zunehmend politische Implikationen. Dabei findet im wesentlichen eine Polarisierung statt zwischen dem konservierenden Naturschutz einerseits und dem ökonomisch orientierten nachhaltigen Umweltschutz andererseits.

Wenn auch für beide Richtungen die Kenntnis von Landschafts- und Artengeschichte Bedingung ist, so wird doch vom konservierenden Naturschutz die bisherige Bedeutung menschlichen Einflusses auf terrestrische Ökosysteme in der Regel unterschätzt. Ebenso die Tatsache, dass auch gegenwärtige Umwelten einer vom Menschen unabhängigen Dynamik unterliegen, Stabilität mitnichten existiert und auch Arten einer ständigen Veränderung unterliegen.

Der vorliegende Beitrag weist auf notwendige Anpassungsstrategien zur Überlebenssicherung sowie auf anthropogene Umweltveränderungen hin, welche weit in die Geschichte zurückreichen und Bedingung für heute weltumspannende Kulturlandschaften mit ihrer hohen Diversität sind. Er zeigt auf, dass sogenannte Naturlandschaften, d.h. vom Menschen nahezu unberührte Naturräume kaum noch anzutreffen sind. Sie wurden graduell unterschiedlich kultiviert, da sie bis weit in das 19. Jahrhundert hinein als lebensfeindlich empfunden wurden.

Da die emotional überbelastete Entität Natur bestenfalls philosophisch-religiös umrissen werden kann, wissenschaftlich jedoch nicht operationabel ist, wird der naturphilosophisch unbelastete Begriff Umwelt als partikuläre Bezugsgrösse einzelner Lebewesen begründet, da sich aus dieser Perspektive wesentlich eher definieren lässt, wie und was mit welchem Ziel (ökonomisch, intrinsisch) nachhaltig geschützt werden soll und kann.

Mit der Hinterfragung von Grundannahmen über "Natur", "Kultur" und "Künstlichkeit" sowie Stabilität und Biodiversität wird der Versuch unternommen, Gegensätze in der Diskussion um einen praktikablen Umweltschutz zu überwinden. Nichtsdestoweniger wird wenigstens partiell eine revidierte Sicht auf die aposteriorische
Wirklichkeit , d.h. ein Paradigmenwechsel und damit eine Veränderung des Naturbewusstseins als Voraussetzung zur Lösung von Umweltproblemen eingefordert. Da sich traditionelle Annahmen als obsolet und unzureichende quantifizierende und ahistorische Methoden als nicht länger haltbar erweisen, muss auch der immer häufiger geäußerte Anspruch auf "unversehrte Natur" infrage gestellt werden.

top
Abstract:

For some time the debate over the "right" sort of environmental protection has been steered by ideologically burdened debates over nature conservation, species diversity and maintenance, as well as the often postulated incompatibility of ecology and economy. Nature and "naturalness" have been enjoying great popularity and are gaining in political importance. A polarization of the environmental movement is occurring with, at one end, conservation focusing on preservation and at the other, economically driven sustainable environmental protection.

An understanding of the history of landscapes and species is necessary for both orientations. However, preservationist conservation tends to underestimate the importance of the human influence on terrestrial ecosystems and the fact that even current environments are dynamic quite independently of human beings, that species themselves undergo continual transformation, and that stability exists nonetheless.

Since "nature" is an emotionally laden term that can best be understood in a philosophical-religious context but is not scientifically useful, the term "environment," a word that is unburdened with philosophical implications, has been used here to indicate the particular reference quantity of individual creatures, since from this perspective it is easier to define what can and should be sustainably protected, how this should be done and with what aim (economic or intrinsic).

By analyzing basic assumptions concerning "nature," "culture" and "artificiality" as well as stability and biodiversity the following article will attempt to overcome contradictions in the discussion concerning practicable environmental protection. This investigation also advocates at least a partial review of a posteriori reality, i.e., a paradigm change - in fact a change in our awareness of nature - as necessary condition for the solution of environmental problems. Since traditional assumptions and ahistorical methods which also lack proper quantification have proven to be unviable, the ever more popular advocacy for "pristine nature" should be called into question. (translated by Joanna Sheldon, Cornell University)


top

Einführung

Naturschutz beschäftigt sich selbstredend mit der Natur, einem Phänomen, dessen Definitionen so vielfältig und widersprüchlich sind, wie es philosophische Richtungen und Projektionen von Wirklichkeiten gibt. Entsprechend können Konflikte zwischen einem ideologiefreien, pragmatischen und effizienten Natur- bzw. Umweltschutz und den Vertretern naturphilosophischer, aber auch ‚ökologistischer‘ 1 Weltanschauungen, nicht ausbleiben. Um Missverständnissen vorzubeugen, sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich der gemeinte Pragmatismus als durchaus nicht indifferent versteht gegenüber normativen Werten. Gleichwohl wendet er sich gegen "transzendente Gewissheiten" und verlangt die Anerkennung von aposteriorischen Wirklichkeiten.

Mit der Hinterfragung von Grundannahmen über "Natur", "Kultur" und "Künstlichkeit" sowie Stabilität und Biodiversität soll der Versuch unternommen werden, Gegensätze in der Diskussion um einen praktikablen Umweltschutz zu überwinden. Nichtsdestoweniger wird wenigstens partiell ein Paradigmawechsel im Naturbewusstsein als Voraussetzung zur Lösung von Umweltproblemen eingefordert. Neuorientierungen sind unausweichlich, wenn traditionelle Annahmen sich als obsolet erweisen. Bei Forstleuten wird er z.B. zu Unsicherheiten führen, welche eine Antwort nach der sogenannten Potentiell-Natürlichen-Vegetation (PNV) erwarten, um dem Anspruch einer möglichst ‚naturnahen‘ Aufforstung gerecht zu werden. Denn heute besteht weitgehend Konsens, dass Aussagen zur PNV ohne praktischen Wert sind und jede Antwort nur eine Spekulation sein kann (Zerbe 1997, 1998). In Frage gestellt wird aber auch der immer häufiger geäußerte Anspruch auf unversehrte "Natur".

Natur und Natürlichkeit genießen in der Diskussion um den Umweltschutz zunehmend große Popularität und, sie haben aktuell weitgehende politische Implikationen. Wie aber ist möglich, dass der häufig programmatisch verwendete Begriff "Natur" nirgendwo definiert wird, wo er doch so viele Gesetze und Verordnungen schmückt, im § 1, Absatz 1, des Bundesnaturschutzgesetzes gleich 5x erwähnt wird und selbst ein Bundesamt zur Zierde gereicht? Auch einen Rechtsbegriff dessen, was unter Natur zu verstehen ist, gibt es bis heute nicht (v.Lersner 1999). Wie und was soll aber nachhaltig mit welchem Ziel geschützt werden, wenn überhaupt nicht klar ist, was unter Natur zu verstehen ist?



1: Auf die unzureichenden quantifizierenden und ahistorischen Methoden dieser Richtung bei der Darstellung der Geschichte des Menschen und seiner Umwelt wies bereits Anfang der 80er Jahre Ludwig Trepl (1981) hin.

 

top

1 - Natur vs. Kultur und Künstlichkeit

In der aktuellen Diskussion wird Natur vornehmlich als Gegensatz zur Kultur verstanden. Kultur und Künstlichkeit sind danach ausschließlich Domäne und Ausdruck des Menschen. Sie werden als bestimmendes Merkmal unserer Lebensumwelt perzipiert. Hier gilt es generell zu fragen, in welchem Zusammenhang der Begriff Natur Verwendung findet und wieweit Kultur und Künstlichkeit nicht doch nur Ausdruck der Natur sind?

Beachtenswerte Beiträge zu diesem Thema lieferten in den letzten Jahren u.a. Georg Picht 1989 sowie Rolf Peter Sieferle 1997 . Letzterer hebt hervor, dass derjenige, der heute "über Natur spricht, sich auf einem stark mit Vorurteilen verminten Gelände bewegt, und dies um so mehr, wenn vom Leben im Naturzustand im Sinne eines vorgeschichtlichen Ursprungs die Rede sein soll." Immerhin ein Zustand, den, wie später nachgewiesen wird, niemand kennen kann. Wegen der Unschärfe des Naturbegriffs schlug bereits 1682 Robert Boyle, einer der Gründungsväter der modernen Naturwissenschaften, aber auch Ernst Mach (1838-1916), vor, diesen möglichst überhaupt nicht zu verwenden.

Auch wenn es sich demnach um einen Ordnungs- und Orientierungsbegriff mit besonders großer Unschärfe und Vieldeutigkeit handelt‚ einem Begriff also mit ‚portmanteau‘ - Charakter, so besitzt er doch mit dem Entstehen der Naturschutzbewegung ein großes argumentatives Gewicht. Da besonders von der Naturschutzbewegung die idealisierte Natur als romantisierte Gegenwelt zur Kultur postuliert wird, ist eine Hinterfragung des Begriffes auch im Sinne eines pragmatischen und effizienten Umweltschutzes zwingend geboten.

Generell lassen sich zwei Naturdefinitionen unterscheiden: einerseits die dualistisch-anthropozentrische mit philosophisch-religiösem Hintergrund (spekulativ) und andererseits die heute immer mehr Raum gewinnende und von der modernen Erkenntnistheorie geprägte naturwissenschaftliche Definition (hypothetisch-deduktiv). Auf letztere wird hier im wesentlichen Bezug genommen.

top

Ganz im Kant’schen Sinne 2 sagte bereits Georg Ludwig Hartig (1808), einer der hervorragenden Forstwissenschaftler Anfang des 19. Jahrhunderts: "Die sämmtlichen Gegenstände, die wir durch irgendeinen unserer Sinne bemerken, werden die Natur genannt." Damit ist die Natur die Gesamtheit aller abiotischen und biotischen Faktoren und Aktionen in einer perzipierbaren Welt, also ausschließlich ein Konstrukt menschlichen Erkennens. Sie existiert aus sich heraus und hat - sozusagen als "Zufall der Evolution" (Gould 1991) - eben auch den Menschen hervorgebracht. Mit Huxley's (1863) epochalem und gleichzeitig desillusionierendem Werk "Evidence as to Man's Place in Nature" und Darwin's (1871) "The Descent of Man" wurde der Mensch als Teil der Natur definiert und eine "ernüchternde Selbstentgötzung des Menschen" (Markl 1998) eingeleitet. In bezug auf die Darwin‘schen und Huxley'schen Erkenntnisse schrieb Markl (1995) in einem SPIEGEL-Beitrag : "Wir sind Geschöpfe der Natur", eine ihrer Erscheinungsformen und demnach "sollte nichts, was wir tun, unnatürlich sein." Vitaler Stoffwechsel und Informationsaustausch mit unserer (jeweiligen) Umwelt, die Symbiose mit einer unüberschaubaren Vielzahl von Mikroorganismen in unserem Organismus , z.B. etwa 70 Billionen Bakterien im Dickdarm (Gleich et al. 2000 und Blech 2000), sein Funktionieren mit dem ‘Multi-Milliardensystem’ seiner Zellen, die Möglichkeit von Reflektion und Aktion durch seine Sinnesorgane, ist pure Natur. Ebenso ist jeder Gedanke Natur und mag er noch so absurd erscheinen. Der Mensch ist eben nicht Bürger zweier Welten 3, sondern aufgrund evolutionsbiologischer Aspekte und der "Beziehungen zwischen organischen Regulationen und kognitiven Prozessen" (Markl 1998) definiert anhand kybernetischer Erklärungsmodelle.

Wenn wir jenes "menschliche Verhalten als widernatürlich" betrachten, so noch einmal Hubert Markl, "was der Natur" bzw. unserer Umwelt schadet, dann ist es "ein Denkfehler, diese Exzesse der Naturentfaltung als unnatürlich zu betrachten. Wenn etwas genuin zu unserem natürlichen Spezies-Charakter gehört, so ist es unsere Kulturfähigkeit und ganz zweifellos dient auch unsere intellektuelle Leistungsfähigkeit der Verwirklichung des Erhaltungsprinzips, ist also Fortsetzung der Biologie mit anderen Mitteln! "Die Kulturgeschichte ist damit nichts anderes als die Naturgeschichte der Spezies Mensch, so wie die Entwicklung von Wachswabenbau und Tanzkommunikation diejenige der Honigbiene ist." Ohne Kultur, d.h. zielgerichtete Manipulation der Umwelt (und der Mitmenschen!) wären Menschen gar nicht überlebensfähig. Die besondere Bedeutung des Homo faber manifestiert sich alleine im vergleichsweise bisher wohl nicht erreichten Wirkungsniveau und in der Komplexität seiner Handlungen in der Natur.

In den Augen des Evolutionsforschers Stephen Jay Gould 1999, aber auch des Nobelpreisträgers für Physik 1986 Gerd Binnig gehören somit zur Natur nicht nur der Maulwurfs- oder Termitenhügel, sondern auch jene Phänomene menschlichen Schaffens wie die Petronas Towers, der Standort New York und alles was dort passiert. Von Menschen gestaltete Umwelt ist mitnichten eine unnatürliche oder künstliche. Konsequenterweise wird der Begriff "Kultur" in diesem Beitrag nicht als Gegensatz zur Natur, sondern als Ausdruck menschlichen Seins in der Natur verstanden.


2: Nach Immanuel Kant (1724-1804) ist die Natur erkenntnistheoretisch (d.h. NICHT naturphilosophisch) die Gesamtheit des Gegebenen, der Inbegriff aller körperlichen wie nichtkörperlichen Gegenstände der Sinne. Gleichermaßen ist "Natur" auch (chaotische) "Empfindung", geordnet und gesteuert von den (naturgesetzlichen) Regeln des Verstandes. Erst dieser Umstand gibt uns die Fähigkeit Natur zu begreifen, denn ihre Prinzipien liegen unserem Sein zu Grunde.
3: Philosophisch wird damit dem Menschen alle Berechtigung zur Herrschaft über die Natur entzogen. Dazu meinte Stephen Jay Gould in einem SPIEGEL-Interview (1998/10: "Wir sehnen uns nach einem Sinn"): "Das Universum ist chaotisch und nicht immer wohlwollend, und wir sehnen uns verzweifelt danach, es möge anders sein. Also basteln wir uns Argumente teleologischer Art dafür, alles habe einen Sinn, nämlich den, uns hervorzubringen, damit wir die Natur beherrschen können."


top

1.1 - Die Bewusstseinsänderung in der Wahrnehmung von Natur und Kultur

Die in weiten Kreisen der Naturschutzbewegung strikte Unterscheidung von Natur und unnatürlicher Kultur als Ausdruck einer kulturhistorisch bedingten Bewußtseinsänderung hat eine elementare Bedeutung für die Definition von Wirklichkeiten und führt zu paradoxen Situationen. Besonders werden Widersprüche deutlich in den Begriffen wie Naturschutz, Umweltschutz oder Landschaftsschutz und ihren Konsequenzen. Nämlich dann, wenn etwas geschützt werden soll, da es bedroht, aber erhaltenswert ist: "Es ist ja die menschliche Kultur selbst, welche die Natur gefährdet, und von ebendieser Kultur wird ein Schutz der Natur verlangt. Wenn aber Natur als Gegensatz zur Kultur definiert wird, wird dann eine von der Kultur geschützte Natur nicht eben dadurch selbst in Kultur verwandelt? 4 In der Forderung nach Naturschutz kündigt sich daher ein vollständiger Sieg der Kultur an, welcher die Vernichtung der Natur zum Abschluss bringt" (Sieferle 1997).

Die oft verzweifelt versuchte Trennung von Natur und Kultur entlarvt sich als untauglicher Versuch des seine Umwelt verändernden Menschen, sich vom eigentlichen (Erkenntnis-) Problem zu entfernen, doch nur ein Teil der Natur zu sein. Ein vermutlich einzigartig reflektierender zwar, doch letztlich nur ein Parameter in einer multidimensionalen und -kausalen Natur. Der Mensch kann jedoch für sich in Anspruch nehmen, als eine der bisher wirkungsvollsten Variablen vieler Umwelten zu gelten und - mit dem Beginn der Raumfahrt - nicht nur in seiner eigentlichen Biosphäre.

Dagegen sind die Definitionen und Bewertungen des menschlichen Wirkungsspektrums in der Natur höchst unterschiedlich, denn - wie von jedem anderen Lebewesen als perzipierendes Individuum 5 - werden Umweltwirklichkeiten 6 ausschließlich subjektiv wahrgenommen. Erkannt wird jeweils ein Teil bzw. Ausschnitt der Natur mit ihren multikausalen Zusammenhängen aus unterschiedlicher (und - unausweichlich - "voreingenommener") Perspektive. Damit unterscheiden sich jedoch Quantität und Qualität von Umwelt in ihrer Wirksamkeit auf das Subjekt erheblich. Dies in Abhängigkeit von seinem Standort in der Natur und dem ihm individuell zugrunde liegenden Wertesystem.

Wenn also unter Umwelt ein definierter Teil der Natur aus einer bestimmten Wahrnehmungs-Perspektive verstanden wird, dann ist aus kausalanalytischer, aber auch human-ökologischer Sicht die Gesamtheit aller Umwelten identisch mit Natur an sich. In jedem Fall sind es relationale Begriffe und Korrelate menschlichen Erkennens und Handelns. In diesem Sinne ist die Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Umwelt nicht nur sinnlos, sie ist sogar kontraproduktiv, da es sich bei beiden Phänomenen um von Menschen perzipierte und bewertete Gegenstände der Sinne handelt. Nichtsdestoweniger dient die (zu Missverständnissen führende) Unterscheidung dieser Umwelten zur Definition menschlichen Handelns und Einflusses.

Die Begriffe Unnatürlichkeit, aber auch Naturnähe, welche die Kenntnis eines nicht zu beweisenden historischen Urzustandes der Natur notwendig machen, suggerieren dagegen die Möglichkeit externer Beobachtung. Sie sind aber nichts anderes als der indirekte - dualistisch-naturphilosophische - Versuch, den Menschen aus der so unendlich artenreichen Natur, seiner Umwelt, zu entfernen bzw. "mit Hilfe der Bewusstseinsklausel hinauszudefinieren" (Willmann 2000). "Zurück zur Natur" heißt in diesem Kontext nichts anderes, als zurück in den menschenleeren (und unbekannten) Urzustand: Denkbar ist damit paradoxerweise das so "menschliche" Paradies 7 nur ohne uns. Zu fragen bleibt dann allerdings: für wen dann das Paradies?


Den unberechenbaren und nicht zu beeinflussenden lebensfeindlichen Umwelten wurde schon sehr früh als Vision der geschützte "Garten Eden", das "Paradies" entgegengestellt. Zweifellos ein künstliches Gebilde, ein Ausdruck der Sehnsucht nach Schutz, die Fiktion von Geborgenheit, gleichzeitig ein Zustand, den es nur im Kampf mit der "Natur" als Entität durch bezwingende Kultur zu erreichen galt. Die lebensbedrohende und deswegen als grausam empfundene Natur war das Gegenteil von Sicherheit. Natur galt es daher zu zähmen, zu beherrschen, zu "kultivieren". Aber auch sich selbst entfernte der Mensch scheinbar aus der Natur durch Selbst-Kultivierung bzw. Humanisierung, d.h. durch "Entwilderung" bzw. "Entbestialisierung" .

Heute sind Natur und Natürlichkeit oftmals Alternativen, quasi Fluchtpunkte romantischer Naturphilosophie, vor allem Gegenwelten zur Kultur, zur sogenannten Künstlichkeit oder "technosphere" (Naveh & Liebermann 1994. In unserer Kultur wohl auch eine Folge des Bewußtseins von der Erbsünde, des nicht zu entrinnenden (aber auch gepflegten!) Schuldgedankens. Mit der Flucht aus dem eigenen Erfolg verbindet sich eine Sehnsucht nach Ungebundenheit und Ursprünglichkeit, nach Abkehr von staatlicher Reglementierung, wohl als Reaktion auf gesellschaftliche Zwänge und Unentrinnbarkeiten (vgl. dazu Sigmund Freud, 1930, "Das Unbehagen in der Kultur").



4: Auch in großen Schutzgebieten mit geringem menschlichem Einfluss wird die Eigendynamik ökologischer Systeme durch ihre Begrenztheit zu einem Produkt des Managements. Dem lebenden Inventar wird quasi ein Lebensraum zugewiesen, der wegen konkurrierender Interessen nicht verlassen werden darf. Alleine in der Ausweisung von unter Schutz zu stellenden Landschaften manifestiert sich Herrschaft im Sinne menschlicher, d.h. kultureller Ansprüche.
5:
Auf die wesentlich komplexeren Umwelt-Perzeptionen von (Interssens-)Gemeinschaften kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.
6: Wissenschaftliche, gesellschaftliche und individuelle Wirklichkeiten werden dadurch geschaffen, dass wir an die vermeintlich objektiv bestehende Wirklichkeit immer mit gewissen Grundvoraussetzungen herangehen, die wir für objektive Aspekte der Wirklichkeit halten, während sie doch nur Aspekte unserer Suche nach der Wirklichkeit sind (vgl. Watzlawick 1978).
7: Ursprünglich ein geschützer, eingefriedeter (!) Bereich ohne Gefahren, in denen es an nichts mangelt.

top

1.2 - Die Projektion von Gegenwelten - Eine Flucht vor der Wirklichkeit?

Als Projektion von Versöhnung, Unschuld und dem Guten offenbart sich in Wahrheit doch wieder der so oft bemühte "Garten Eden", die trügerische Chimäre. Diesmal ist das Ziel (vor allem von Naturschutzgruppen) jedoch die Welt der artenreichen und kleinräumigen Agro-Kulturlandschaften Ende des 19. Jahrhunderts. Die Kenntnis von jener lebensfeindlichen Umwelt scheint vergessen 8 und aus der Geborgenheit einer durch Kultur gezähmten Natur wird die gegenwärtige Industrielandschaft nun verstanden als eine vom Menschen vergewaltigte Natur, der es Abbitte zu leisten gilt. Wie oben bereits angedeutet, manifestiert sich im Bedeutungswandel von Natur und Kultur wohl nichts anderes, als die Suche nach den heilen Gegenwelten, wohl auch teilweise eine Renaissance der "Blauen Blume". Sie ist zweifellos eine Flucht vor einer als repressiv empfundenen Gegenwart, einer Gegenwart, der scheinbar das Spontane, die Unschuld, abhanden gekommen sind.

Dabei sollte uns bewusst sein, dass (auch in der Vergangenheit) die Furcht vor einer lebensbedrohenden Umwelt immer gepaart war und ist mit der Kenntnis, elementar abhängig zu sein von der ressourcenspendenden Natur. Unterwerfung und Pflege der Natur waren Postulate vieler Religionen seit alters her. Im Angesicht scheinbarer Katastrophen oder auch bedrohter lebensnotwendiger Ressourcen, steht nun aktuell die Pflege hoch im Kurs. Oder ist es nur die Angst vor zu vielen Menschen und ihren Aktivitäten, d.h. vor zu viel Kultur?

Das ist nun das Stichwort, sich mit jener Umwelt in der Natur auseinanderzusetzen, die dem Menschen Lebensraum ist, charakterisiert durch Hass und Liebe. Eine Umwelt in der so vielfältigen Natur, die er auf unterschiedlichstem Wege zu beherrschen trachtete und nach-wie-vor kontrollieren möchte, aus der er sich zu diesem Zwecke philosophisch hinaus zu definieren bemüht, der er jedoch trotz all dieser Bemühungen niemals entkommen kann.

Zweifellos deutet sich am Horizont auch professioneller Umweltschützer ein Paradigmenwechsel im Naturverständnis an. Orientierungslosigkeit macht sich breit, Mythen sterben, wenn deutlich wird, eine gute oder schlechte Natur hat es nie gegeben. Moral und Ethik existieren nur für uns. Gut und Böse sind ausschließlich menschliche Kategorien. Ja, folgt man dem Philosophen Thomas Metzinger (1999) , ist selbst das Ich eine Illusion, die beste "Erfindung" der Evolution. Und zur Disposition steht neuerdings auch der freie Wille 9.

top

Extreme Positionen prallen unausweichlich und oft scheinbar unversöhnlich aufeinander. Die Schlagwörter ‚Lebensraumvernichtung‘ und ‚Artentod‘ dienten der Emotionalisierung und ließen das Bild entstehen vom Menschen als dem Feind der Natur 9. Forderungen von Naturbewegten gleichen daher in ihren Konsequenzen oft - ein wenig übertrieben formuliert - prophylaktischen Hexenverbrennungen. Naturverklärung einerseits und pragmatischer Funktionalismus andererseits, polarisieren die Diskussion. Hinzu kommt: lieb gehegte Weltbilder stürzen durch Neubewertung ökosystemarer Zusammenhänge und Ethologen entzaubern die Tierwelt.

Entgegen den zu politischen und Selbsterhaltungszwecken entwickelten Horrorszenarien von Greenpeace hätte z.B. die Brent Spar ökologisch durchaus sinnvoll in der Nordsee versenkt werden dürfen. Aborigines und Indianer 11, gestern noch mit unantastbarer Vorbildfunktion, stürzen nun gleichermaßen vom Sockel selbsternannter und "umweltbewegter" Gutmenschen, wie korrekte Guttiere des New Age bei näherem Hinsehen plötzlich als Monster gelten: z.B. Delphine als Kindermörder und Bonobos als Kinderschänder (Willmann 2000). Die Streicheleinheiten für den glibberigen Frosch enttarnen sich bei näherem Hinsehen als purer Egoismus, der Altruismus als notwendige Streicheleinheiten für das eigene Wohlbefinden. Wenn uns das Überleben des in fernen Ländern angeblich bedrohten Tigers so sehr zur Herzenssache geworden ist (wo doch Tiger in den letzten 400 Jahren schätzungsweise 1 Million Menschen getötet haben, d.h. durchschnittlich 2.500 pro Jahr) und Haie dagegen zu Schauer erregenden Monstern wurden (sie jedoch bestenfalls - wenn auch medienwirksam - 6 Menschen pro Jahr töteten, Menschen jedoch weit mehr als eine Million Haie pro Jahr) (vgl. GLEICH et al. 2000), dann ist es allerhöchste Zeit, unser realitätsfremdes und wunschgeprägtes "Naturbewusstsein" auf den Prüfstand zu stellen.



8: Am Ende der sogenannten "Kleinen Eiszeit" Mitte des 19. Jahrhunderts und den wieder ansteigenden Temperaturen war "die gesamte Belastung durch Überschwemmungen, Lawinen und Stürme ... am größten ...... Dies trägt mit zum Verständnis dafür bei, warum die Gesellschaft damals zur vorbehaltlosen Eindämmung und Zähmung der wildgewordenen Natur mit allen verfügbaren Mitteln entschlossen war" (Walter 1996, aus Pfister 1999).
9:
So Holm TETENS, Dozent für Philosophie an der FU-Berlin, in DIE ZEIT vom 10. Juni 1999: "Die erleuchtete Maschine - Das neuro-kybernetische Modell des Menschen ....." und Wolfgang PRINZ, Direktor des Max-Plank-Instituts für psychologische Forschung in München, wonach "Wir nicht tun, was wir wollen, sondern wollen, was wir tun".
10: Genährt wird diese Vorstellung allerdings auch von der dualistischen Naturdefinition v. LERSNERs (ibid., S. 61), wonach zu ihr der belebte Teil der Erdoberfläche und die in ihm lebenden Lebewesen gehören, jedoch mit Ausnahme des Menschen.
11: Z.B. Waldvernichtung in Australien und die Jagd von Büffeln in N-Amerika weit über den Bedarf.

top

Machen wir uns nichts vor: Die Kuschelökologie hat ausgedient und extreme Positionen erhalten zunehmend Gewicht. Herzog et al. (2000) postulieren, dass "Die Entsorgung von Treibhausgasen - Das Deponieren von Kohlendioxid unter der Erde oder in der Tiefsee ... vermutlich eine preiswertere Methode zum Klimaschutz als der Umstieg auf erneuerbare Energien wäre." In jedem Fall wird die gesteigerte Effizienz des Energiegebrauchs als beste Lösung angesehen (World Energy Council). Der radikale Umweltschützer Peter Huber (2000) vom renommierten MIT (Massachusetts Institute of Technology) hält schnelles Wirtschaftswachstum, den Einsatz von Kernkraft zur Energiegewinnung und die Gentechnik in der Tierproduktion, industrielles Food-Design und konzentrierte Urbanisierung für ökologisch sinnvoller, auch aus global-demographischen Gründen und damit umweltverträglicher als z.B. die Solar- und Windenergie (was mit geringer Effizienz und hohem technischen Aufwand begründet wird), den biologischen Landbau und die sogenannte artgerechte Tierhaltung mit ihrem ungeheuren Flächengebrauch. In die Zukunft schauend, sollte nicht übersehen werden, dass im Jahr 2010 vermutlich nur noch 0,2 Hektar agrarisch nutzbarer Anbaufläche pro Kopf der Welt-Bevölkerung zur Verfügung stehen werden. In diesem Sinne sind die gutgemeinten Hungerhilfen in den hochfragilen und übervölkerten Ökosystemen im äthiopischen Hochland Ogaden ebenso kontraproduktiv wie der übermäßig Grundwasser erschöpfende Brunnenbau im niederschlagsarmen Sahel 12.

Auch wenn die extremen Positionen Widerspruch provozieren und einige Argumente zynisch klingen, wird damit doch auf eine Kernfrage umweltgerechten Verhaltens hingewiesen. Wie kann Umweltschutz (als Überlebensvorsorge) am effizientesten realisiert werden, wenn neben Stabilität und Produktivität der Ökosysteme gleichzeitig ein hoher biologischer Reichtum das Ziel sein muss?

Naturschutz, Landschaftspflege und Ökosystem-Management verlangen nach verlässlicher Orientierung. Oft sind dies geschichtliche Zustände, welche in der Regel als besser, als "natürlicher" im Gegensatz zum aktuell "Künstlichen", eingestuft werden. Ist diese Vorstellung aber begründbar? Unabdingbare Voraussetzung zur Klärung dieser Frage ist vor allem eine detaillierte Kenntnis von a) der Landschaftsgeschichte, b) der Produktivität und den Ressourcen der Landschaft und c) der historischen und aktuellen Funktion der zu schützenden Objekte, aber auch Subjekte aus unterschiedlicher Interessens-Perspektive. Hier gibt es nicht nur elementare Defizite in der ökosystemaren sowie sozioökonomischen Bewertung des Ist-Zustandes, sondern auch ganz generelle Spannungen in der Darstellung dessen, was in unserer Umwelt nun als "natürlich", "künstlich" oder auch als "naturnah", oder mit anderen Worten, was in der Natur als intensiv oder weniger intensiv anthropo-zoogen beeinflusst zu gelten hat.



12: Auch wenn diese Ansichten zynisch scheinen, so zwingen sie doch, sich mit harten ökologischen Fakten auseinanderzusetzen. Vor allem semiaride Landschaften mit spärlichen Basisressourcen können immer nur eine sehr begrenzte Anzahl von Menschen versorgen, für welche zudem oft nur die traditionellen Wirtschaftsformen (z.B. mit sich dem Rhythmus der Jahreszeiten anpassendem Ortswechsel) ein Überleben ermöglichen. Es ist eher verantwortungslos, Bedingungen so zu projizieren, wie sie sein sollten, aber nicht sind! Dazu zwei Bemerkungen des Biologen Garrett Hardin (1968): "Each man is locked into a system that compels him to increase his herd without limit - in a world that is limited" und "The most important aspect of necessity [im Sinne Hegels, Anm. des Autors] that we must now recognize, is the necssity of abandoning the commons in breeding. No technical solution can rescue us from the misery of overpopulation." So bemerkte auch Heinz Haber (1992) zutreffend: "Nicht jene Katastrophenmeldungen, die wir laufend in den nächsten 20 bis 30 Jahren den Zeitungen entnehmen müssen, haben das Hauptgewicht, nein, es ist die stets wachsende Zahl der Menschen auf dieser Erde", welche sich die begrenzten Ressourcen teilen müssen.


top

2 - Natur- vs. Kulturlandschaft

Heute kann für weite Teile Europas kein Zweifel daran bestehen, dass (wie oben nachgewiesen) in historischer Zeit anthropogen unbeeinflusste Landschaften nicht existierten, aktuell aber ganz sicher nicht angetroffen werden können 13. Demnach haben unsere Vorstellungen von sogenannten Naturlandschaften ausschließlich hypothetischen Charakter.

Rolf Peter Sieferle, einer der mutigen Pioniere der Umweltgeschichte in Deutschland, betonte zu Recht, dass wenigstens in unserem Kulturkreis alle bisher beschriebenen Landschaftszustände Residualprodukte einer Vielzahl von (menschlichen) Handlungen waren und sind, die jeweils eigene Zwecke verfolgten. Handelte es sich bis Ende des 19. Jahrhunderts vornehmlich um Agri-Kulturlandschaften, haben wir es seit etwa 100 Jahren mit sich rasch wandelnden "Transformationslandschaften" bzw. Industrielandschaften zu tun.


Ein kurzer Rückblick in die Landschaftsgeschichte soll deutlich machen, dass selbst rekonstruierte, sogenannte Naturlandschaften, in denen angeblich ahemerobe (d.h. nicht vom Menschen beeinflusste) Bedingungen existierten, in Wirklichkeit eine, wenn auch intensiv gepflegte, Illusion sind. Denn bereits die postglazialen offenen Landschaften Mitteleuropas wurden von Jägern und Sammlern durchstreift, die einen erheblichen Einfluss auf Flora und Fauna ausübten. Waldbrände, ob anthropogen oder durch Blitzschlag bedingt, bleibt vorerst offen, wurden bereits für das Boreal nachgewiesen (Endtmann 1998). Mit der einsetzenden Sesshaftwerdung z.B. in N-Deutschland (vermutlich aber schon 8.000 BP) am Ende des Atlantikums (spätes Meso- bis frühes Neolithikum) verstärkten sich Eingriffe des Menschen in die Umwelt durch Brandrodung, durch Viehhaltung und die Anlage von Feldern. Weitläufige Agrarlandschaften entstanden bereits in römischer Zeit vor allem in Westeuropa. Es kann also keinem Zweifel unterliegen, dass Europas Landschaften postglazial und besonders seit der Sesshaftwerdung der Menschen einem unterschiedlich intensiven und im Laufe der Geschichte zunehmenden anthropo-zoogenen Einfluss ausgesetzt waren. Entscheidende Parameter waren ansteigende Besiedlungsdichten, Fortschritte in der Nahrungsmittelproduktion durch die Einführung neuer Anbautechniken und die Modifikation ‚unproduktiver‘ Standorte. Nach dem Übergang von der Subsistenz in die Marktwirtschaft und explosiv ansteigenden Bevölkerungszahlen Ende des 19. Jahrhunderts findet gegenwärtig eine Industrialisierung der agrarischen Produktionsflächen und eine weitgehende Technifizierung der übrigen Landschaften statt.



13: Menschlicher Einfluss auf die Atmosphäre ist aktuell durch Fernwirkung in der gesamten Biosphäre mit unterschiedlicher Intensität nachzuweisen. Die Intensität indirekter und direkter Folgen menschlicher Tätigkeit auf die Landschaft variiert jedoch erheblich. Von der unzugänglichen Hochgebirgslandschaft im Himalaya bis zum Parkplatz einer Großstadt sind alle Zustände denkbar. Hinzu kommt eine ständige Dynamik.

top

Wenn eine gedankliche Wiederherstellung anthropogen wenig beeinflusster Landschaften und ihrer Inhalte versucht wird (und zwar auf der Basis angenommener klimazonaler Vegetation und Böden), wird in der Regel nicht berücksichtigt, dass postglazial starke Temperaturschwankungen während des gegenwärtigen Holozäns auftraten, welche die floristische Zusammensetzung der Vegetation auch unter ahemeroben Bedingungen ständig verändert hätten (Küster 1998). Neuere paläobiologische Untersuchungen in der Oberlausitz (Sachsen) weisen zudem häufige Brände in spätglazialen Wäldern (ca. 14.000 BP) auf (Friedrich et al. 2002). Außerdem muss gefragt werden, welcher Zeitpunkt der postglazialen Vegetationsentwicklung als relative Größe, quasi als Nullpunkt, gelten soll? Die Rekonstruktion eines "Ur- bzw. Naturzustandes" unserer Landschaften ist somit aus klima- und kulturgeschichtlichen Gründen spekulativ, sie ist immer hypothetisch und subjektiv geprägt. Somit ist sie weitgehend auch ein Produkt des herrschenden Zeitgeistes.

In einem Kursbuch-Beitrag hebt wiederum Sieferle (1998) hervor: "Was dem naiven Betrachter als Natur gilt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Produkt der Kultur. Der unaufmerksame und oberflächliche Naturschützer beklagt also nur den vermeintlichen Verlust von Natur". Besonders deutlich wird dies in Stadtökosystemen. Werden heute in Berlin stillgelegte und von synanthroper Vegetation sukzessive überwachsene Gleisanlagen der S-Bahn wieder reaktiviert (und "natürlich" der Verlust von Natur beklagt), handelt es sich lediglich um eine Modifikation der Kulturlandschaft bei gleichzeitiger Abnahme der nun nicht mehr gewünschten Artendiversität.

Zusammenfassend läßt sich konstatieren, dass alle postglazialen Landschaften Europas dem mehr oder minder intensiven Einfluss des "Kulturwesens" Homo sapiens ausgesetzt waren. Danach können lediglich für jenen Zeitraum ahemerobe "Naturlandschaften" angenommen werden, in denen der Mensch keinen stärkeren Einfluss auf seine Umwelt ausübte als andere Tierarten auch 14. Es sollte einleuchten, dass dieser Zeitraum für die Beurteilung der aktuellen Landschaften irrelevant ist.

Wenn sich aber unsere kulturell überprägten Landschaften lediglich durch den Grad menschlicher Beeinflussung unterscheiden, ist nach Beurteilungskriterien zu fragen und die Bezugsgrundlage aus historischer und/oder aktualistischer Perspektive zu definieren. Sehr zu Recht wies aber Ingo Kowarik (1999) darauf hin, dass jeder willkürlich gewählte Nullpunkt (z.B. aus historischer Perspektive die Agro-Landschaften Ende des 19. Jahrhunderts) als Bezugsgrundlage zu einer gewissen Beliebigkeit der Natürlichkeitseinschätzung führt.



14: Bereits der von Homo sapiens verdrängte Homo neanderthalensis, welcher Westasien und Europa bis vor etwa 30.000 Jahren besiedelte (vgl. Tattersall 2000), war Jäger und verstand den Umgang mit Feuer. Zweifellos war die Fähigkeit, Feuer durch eine gezielte Technik herzustellen, ein Meilenstein menschlicher Entwicklung. Wenn auch die Feuerverwendung durch den Menschen seit dem Mittelpleistozän (vor allem in Europa, z.B. den pannonischen Landschaften im südlichen Mitteleuropa) nachgewiesen wurde (spätestens seit diesem Zeitpunkt unterschied sich der Mensch von anderen Mitbewohnern seiner Umwelt), so ist doch der gezielte Einsatz des Feuers in das ausgehende Acheulium (300.000-75.000 BP) zu datieren. Dass sich wenigstens moderne Menschen der Janus-Gesichtigkeit dieses Erfolges bewusst waren, zeigt die Prometheus-Sage. Der Erwerb des Feuers wird z.B. auch heute noch von den Buschmännern gefeiert.

top

Mit der von dem finnischen Botaniker Jalas (1955) entwickelten und Sukopp (1968, 1997) erweiterten Rangordnungsskala von Hemerobiegraden 15 16 für Landschaften bzw. terrestrische Ökosysteme, einem reziproken Maß für Natürlichkeit, wurden wesentliche Fortschritte zur Definition und Beurteilung menschlichen Einflusses erzielt. Menschlicher Einfluss wird in diesem Konzept als Standortfaktor definiert, wobei die Frage nach der aktualistischen oder historischen Perspektive unbeantwortet bleibt. Von Kowarik wurde das Hemerobie-Konzept explizit von den historisch ausgerichteten abgegrenzt. Vorteil dieses Ansatzes ist die Ausklammerung des hypothetischen Nullpunktes, d.h. des sogenannten ursprünglichen und damit ahemeroben Zustandes (für detaillierte Angaben und Definitionen vgl. Sukopp (ibid.) und Kowarik 17):

  • ahemerob (nicht kulturbeeinflusst)
  • oligohemerob (schwach kulturbeeinflusst)
  • mesohemerob (mäßig kulturbeeinflusst)
  • euhemerob (stark kulturbeeinflusst)
  • polyhemerob (sehr stark kulturbeeinflusst)
  • metahemerob (übermäßig stark und einseitig kulturbeeinflusst)
Bezugspunkt ist hier das vermutliche Endstadium einer Sukzession unter Berücksichtigung des aktuellen Standortpotentials (mit Einschluss irreversibler Veränderungen), deren Inhalte sich unter den gegebenen klimazonalen Bedingungen und ohne direkten (jedoch mit Berücksichtigung des großräumig wirksamen indirekten) menschlichen Einfluss einstellen würden!



15: Intensität, Dauer und Reichweite der Einwirkung auf den Standort, vgl. Sukopp (1969).
16: griech. hemeros = gezähmt, kultiviert, bios = Leben.
17: vgl. Kowarik (1988): S. 87 "Hemerobie ist ein Maß für den menschlichen Kultureinfluss auf Ökosysteme, wobei die Einschätzung des Hemerobiegrades nach dem Ausmaß der Wirkung derjenigen Einflüsse vorgenommen wird, die der Entwicklung des Systems zu einem Endzustand entgegenstehen" und Kowarik (1999), S. 8, Tab. 5.

top

3 - Biodiversität und Stabilität

3.1 - Artenvielfalt, Folge von Hemerobie und anderen natürlichen Störungen

Die kontinuierliche Zunahme menschlicher Tätigkeit im Laufe der Jahrtausende und die Veränderung sowie Effizienz von vorindustriellen Nutzungsstrategien führte keinesfalls zu einer Abnahme der Artendiversität, sondern zu ihrem ständigen Anstieg, besonders in Kultivierungsphasen. Durch starke Fragmentierung der Wald-, Agrar- und Gartenlandschaft Ende des 19. Jahrhunderts wurde die höchste Dichte an pflanzlichen (und tierischen) Arten pro Flächeneinheit erreicht. Ohne menschlichen Einfluss wäre die Flora in unserer Heimat zu diesem Zeitpunkt um vermutlich 50-60% ärmer gewesen (Fukarek 1988).

Archäophyten 18 und Neophyten 19 konnten sich im Laufe der anthropo-zoogen geprägten Landschaftsgeschichte nur durch die Schaffung neuer Lebensräume etablieren. Als Bedrohung empfundene Tierarten wurden in der Regel zurückgedrängt oder auch völlig ausgerottet. Andere kamen durch die Schaffung adäquater Lebensräume dazu, wie z.B. die ehemals in Osteuropa beheimatete Trappe. Die Industrialisierung der Landwirtschaft, die Flurbereinigung und die Schaffung von landwirtschaftlichen Flächen im Bereich ehemaliger Feuchtgebiete, die Begradigung von Flüssen, die Bodenversiegelung durch infrastrukturelle Erschließungen im Bereich größer werdender Siedlungen führte Ende des 19. Jahrhunderts zwar zu einer Abnahme der Artendichte durch Verarmung und Auflösung oft inselartiger Biotope, bis Mitte des 20. Jahrhunderts jedoch nicht zu einer Abnahme der Gesamtzahl etablierter Arten in Deutschland. In Siedlungsgebieten wurde gleichzeitig eine Zunahme von anthropogen bedingten Biotopen mit hoher Artendiversität beobachtet. Hinzu kommt, dass ehemals außerhalb der Siedlungsgebiete lebende Tiere (z.B. Wildschwein, Fuchs, Waschbär u.v.a.) heute häufig in ihren Randgebieten angetroffen werden. Mittlerweile gehören städtische Ballungsräume zu den Orten mit der höchsten Biodiversität.



18: Adventivpflanzen bzw. Hemerochore, die in prä- oder frühhistorischer Zeit durch den Menschen eingeschleppt wurden, oder einwanderten.
19: Adventivpflanzen bzw. Hemerochore, die in historischer Zeit, vor allem seit der Entdeckung Amerikas Anfang des 16. Jahrhunderts durch Europäer, eingeschleppt wurden.

top

Mit der Intensivierung der Landwirtschaft, vor allem aber mit der Vergrößerung der Feldeinheiten für den ökonomischen Einsatz von modernen landwirtschaftlichen Maschinen Anfang des 20. Jahrhunderts und dem späteren Einsatz von Pestiziden, nahm die Artendichte (Produkt aus Artenzahl und Zahl der Vorkommen pro definierter Flächeneinheit, z.B. 5x5km, vgl. van der Maarel) rapide ab. Dieser Aufnahme-Methode folgend, konnte für stark überformte Landschaften ein Schrumpfen vieler Populationen oder auch das Verlöschen von Arten nachgewiesen werden 20. Bei diesem Vorgehen wurde jedoch oft die Gesamtpopulationsgröße nicht berücksichtigt, was dazu führte, dass häufig in angrenzenden Biotopen die vorher als ‚verloschen‘ definierten Arten weiterhin angetroffen werden konnten. Ein durchaus normales Phänomen, das - stark überspitzt - auch in unseren Wohnungen für die von uns als lästig empfundenen "Schädlinge" eintritt, wenn wir ihre Nahrungsressourcen reduzieren oder sie mit Pestiziden bekämpfen.

Wenn von erschreckenden Artenrückgängen oder sogar von der Gefahr des Artensterbens die Rede ist, wird in der Öffentlichkeit in der Regel ‘Verlust’ assoziiert, selten aber Rückzug, ein Schrumpfen oder auch die Verlagerung der Population. Auf dem Boden der Tatsachen bleibend, schreiben wir jedenfalls für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland noch immer schwarze Zahlen. Die nachgewiesene Anzahl der etablierten Taxa 21 liegt heute in Deutschland bei 2.682 Pflanzenarten, inklusive der Hemerochoren, d.h. der unter direkter oder indirekter Beteiligung des Menschen eingeschleppten Arten. Laut IUCN-Report (International Union for the Conservation of Nature) von 1997 können für die BRD bisher nur drei Pflanzenarten als ‚phylogenetisch‘ verloschen gelten, so z.B. eine einzige Unterart des amphibischen Steinbrechs an den Kiesufern des Bodensees und zwar von Saxifraga oppositifolia ssp. amphibia. Dabei handelt es sich um ein Eiszeitrelikt (Oberdorfer 1994) eines extrem kleinen Areals ausgerechnet in der durchschnittlich wärmsten Landschaft SW-Deutschlands. In anderen einheimischen Publikationen ist dagegen von 80 ausgestorbenen Arten die Rede (Rauschert 1979, Korneck & Sukopp 1988, aus Sukopp 1995). "Auffassungen [in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, Anm. des Autors], wonach im Jahre 2000 in den hochindustrialisierten Ländern bis zu 80% der spontanen Arten erloschen, oder gefährdet sein werden" (vgl. Trepl, ibid., S.74), entbehren jeder Grundlage.

Dem Verlust von drei Taxa stehen viele neue Arten gegenüber. Dabei handelt es sich einerseits um die feste Etablierung einer Vielzahl von Neophyten und andererseits um aus Neophyten hervorgegangene Sippen, welche sich erst hier auf Sekundärarealen entwickelt haben. Einige dieser Neuankömmlinge etablierten sich übrigens auch sehr zum Missfallen des Naturschutzes. (z.B. der allseits bekannte Riesenbärenklau - Heracleum mantegazzianum, das Indische Springkraut - Impatiens glandulifera oder verschiedene japanische Knöterich-Arten).



20: Diese Vorgehensweise führte oft zu jenen Angaben mit alarmierend hohen Aussterberaten! Es sollten also generell die zugrundeliegenden Räume für derartige Angaben berücksichtigt werden.
21: Nach Sukopp & Zerbe (1998) kommen heute in Deutschland insgesamt ca. 45.000 Tier- und 27.000 Pflanzenarten vor.

top

Bezüglich der Artenentwicklung ist es auch gegenwärtig so, dass - wie Sukopp bereits 1976 betonte - "Evolutionsprozesse ständig ablaufen". Ihre Geschwindigkeit ist abhängig von den ständig neuen Standortgegebenheiten, d.h. den zur Verfügung stehenden Ressourcen und der Dynamik des jeweiligen Genpools 22.

Häufig wird auch heute noch bei Ökosystemen mit großer Artenvielfalt eine hohe innere Stabilität assoziiert. Widerlegt wurde die Diversitäts-Stabilitäts-Hypothese aber bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es konnten sehr unterschiedliche Belastungsfähigkeiten von Systemen aufgezeigt werden, die hier im einzelnen nicht dargestellt werden können. Allgemein lässt sich aber sagen, dass Eingriffe in Ökosysteme daraufhin zu beurteilen sind, wieweit sie irreversibel oder reversibel ökosystemare Veränderungen hervorrufen und wieweit diese – in Abwägung der Interessen – einerseits den Forderungen des prozessorientierten Umweltschutzes nach Produktivität, Stabilität und biologisch-ökologischem Reichtum im Gesamtkonzept einer Landschaft genügen sollen oder andererseits anderen Formen der Raumnutzung zugeführt werden müssen, die z.B. im ästhetisch oder ethisch begründeten Allgemein-Interesse liegen.

Auch bei der Diskussion um die Artendiversität unserer Landschaft ist leicht zu erkennen, daß im wesentlichen Bestandessicherung gemeint wird, und zwar auf dem extrem hohen Niveau vorindustrieller Kulturlandschaften Mitteleuropas. Nicht neu ist das gedankliche Experiment, wie wohl die Stimmungslage vor 7.000 Jahren mit heutigem Bewußtsein gewesen wäre? Uns sollte bewusst sein, dass Waldrodung die Voraussetzung war für die Entstehung unserer Kulturlandschaften mit ihrer heutigen Artenvielfalt. Warum sollte dies anderen verwehrt werden? Könnten nicht Menschen der tropischen Regenwald-Zone mit der gleichen Berechtigung verlangen, unsere Kulturlandschaften in wenigstens oligohemerobe (und damit relativ artenarme) Waldlandschaften rückzuführen? Wem gebührte das moralischere Recht der Forderung nach Erhaltung oder Veränderung?

Wie auch immer, Arten- und Biotopschutz dürfen und können nicht um des Schutzes Willen betrachtet werden, eine hohe Artendiversität kann nicht um ihrer selbst gefordert werden. Umweltschutz ist ausschließlich vor dem Hintergrund menschlicher Bedürfnisse nach Nutzung der unterschiedlichsten Ressourcen zu betrachten. Wer erhalten will, muss bewerten nach zu erhaltender ökosystemarer Funktion im Sinne ökonomischer Prinzipien der Nachhaltigkeit.



22: Auch diese Evolutionsprozesse haben mitnichten etwas mit teleologisch verstandener 'Anpassung' an Standorte zu tun (denn diese gibt es nur ontogenetisch), sondern folgen ausschließlich dem Prinzip genetischer Variabilitätspräsenz, sind also unabdingbare Voraussetzung zum 'Weiterexistieren' von Informationsträgern (den jeweiligen Arten) in sich wandelnden Umwelten. Außerdem kann überhaupt kein Zweifel daran bestehen, dass das Prinzip Leben überhaupt nicht zur Erhaltung von Arten führt (von denen zwar über 99% im Laufe der Geschichte des Lebens wieder verschwanden und auch in der Zukunft verschwinden werden, welche jedoch in Folgearten weiterexistieren bzw. weiterexistieren werden), sondern ausschließlich eine Verwirklichung der Erhaltung genetischer Information in sich wandelnden Transport- und Reproduktionseinheiten darstellt.

top

3.2 - Stabilität des Standortes und ökologisches Gleichgewicht, die fatalen Illusionen

Die Angst vor lebensfeindlichen Veränderungen, die heutige Sorge um Bedrohtes in unserer Umwelt, sind mitnichten Phänomene dieses Jahrhunderts, sondern gleichsam elementare Bestandteile menschlicher Geschichte. Nachweise dafür finden sich schon in den ersten schriftlichen Zeugnissen frühester Kulturen, z.B. den ersten Stadtkulturen Kleinasiens. Hier nur ein Beispiel aus der relativ neueren Geschichte. Der heute wieder aktuelle Begriff ‚Nachhaltigkeit‘ als typischer Krisenbegriff wurde schon vor etwa 300 Jahren im barocken Sachsen von Carl von Carlowitz in seiner ‚Sylvicultura Oeconomica’ kreiert. Aber auch 100 Jahre später, nämlich 1791 und 1808, beklagte der ‚Königl. Württembergische Oberforstrat‘ Georg Ludwig Hartig in seinen ‚Anweisungen zur Holzzucht‘ sowie in seinem ‚Lehrbuch für Förster‘ die Übel fehlender Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft.

Apokalyptische Horrorszenarien einer "menschenvernichtenden Natur", aber auch Kultur, haben Tradition. Sie waren immer das schaurige Gegenbild einer notwendigerweise auf Sicherheit und Kontinuität, d.h. auf die Erhaltung eines vorteilhaften Umweltzustandes, fixierten Gesellschaft. Letztlich zerbrechliche Schutzdämme in den fruchtbaren, aber potentiellen Überschwemmungsgebieten der Flüsse und flachen Küstenebenen wurden errichtet, um landwirtschaftlich wertvolle Ressourcen zu sichern und zu nutzen. Dabei wird in aller Regel übersehen, dass eben jene Ressourcen, nämlich die fruchtbaren Böden, das Resultat ständig wiederkehrender Überflutungen im Laufe vieler Jahrtausende sind. Dies gilt für die Landschaften des Nils ebenso, wie für die Niederungen des Mississippi, des Chang Jiang oder die Poebene. Erst die fruchtbaren Schlammablagerungen mit oft mehreren Metern Mächtigkeit in den Flussniederungen ließen hier eine ertragreiche Landwirtschaft zu. Die Siedlungsdichte ist in diesen Landschaften besonders hoch. Tatsächlich manifestiert sich in den Dammbrüchen an Rhein, Oder oder Donau überhebliche Risikounterschätzung, oder Unkenntnis von ökosystemaren Zusammenhängen.

Um "Natur-Katastrophen" handelt es sich aber mitnichten, sondern um Folgen der Kultur, d.h. der "Zähmung von Natur". Der Philosoph Karl Popper (1997) monierte sehr zu Recht, dass das derzeit "herrschende allgemeine Gejammer über die böse Welt" der Katastrophen mittlerweile zur "herrschenden Religion unserer Zeit" geworden sei, was jedoch "zu allen Tatsachen im Widerspruch" stehe.

In diesen Kontext gehört auch der ständig - von Medien und Mainstream-Wissenschaftlern - beschworene anthropogen-bedingte Klimawandel. Christian Pfister (1999), ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Witterungs- und Klimageschichte, machte darauf aufmerksam , dass das 20. Jahrhundert als das klimatische Gunstjahrhundert gelten kann, ein Jahrhundert mit den vergleichsweise geringsten Belastungen durch Überschwemmungen, Lawinen und Stürmen. Dies steht eklatant im Widerspruch zu Verlautbarungen von Versicherungen, die aus Eigeninteresse versuchen, das Gegenteil zu suggerieren.

top

Nichtsdestoweniger gehörten (und gehören) unbeeinflussbar über die Ufer tretende Flüsse, schwere Sturmfluten mit Überschwemmungen weiter Küstenstriche, Waldbrände, Vulkanausbrüche und Erdbeben ebenso zu der als lebensbedrohlich empfundenen Umwelt, wie mächtige Schnee- oder Gerölllawinen in den Gebirgen. Auch bildeten sich die heutigen Küstenlinien Hollands und Deutschlands vor allem vom 11. bis 16. Jahrhundert durch verheerende Sturmfluten mit vielen tausend Toten. Z.B. 1099 (ca. 100.000 Tote in England und Holland), 1212 (ca. 306.000 Tote in Holland), 16. Jan. 1362 (die als Groote Manndränke mit wohl mehr als 100.000 Toten in die Geschichte eingegangen ist), 1462 (ca. 100.000 Tote in Holland, Zuidersee) und 1570 (teilweise nach H.H. Lamb 1972, 1977). Bedingung für das Ausmaß der Küstenüberflutungen waren postglaziale Meeresspiegelanhebungen und Absenkungen der Landmassen, deren Dynamik auch gegenwärtig anhält.

Hungersnöte, Völkerwanderungen, aber auch die teilweise Besiedlung Grönlands durch Normannen, sind Ereignisse, die durch globalklimatische Änderungen bedingt waren. Alle diese Unwägbarkeiten der Natur stellen eine Grunderfahrung menschlicher Geschichte dar. Sie ‚begünstigten‘ die einen und ‚benachteiligten‘ die anderen. Bei allen diesen einschneidenden Ereignissen handelte es sich ohne Frage um absolut normale, oder sollten wir nicht besser sagen: natürliche (?) Umweltveränderungen für Pflanzen und Tiere.

Was also ist dran an den vielen sogenannten Naturkatastrophen in dieser angeblich so instabilen Welt? Wenn mittlerweile in den Medien schon von Ökochondrie und Ökodiktatur als Ultima ratio und einige Wissenschaftler in einer Art Prognose-Euphorie von zukünftigen katastrophalen Umweltveränderungen sprechen, dürfte ein kurzer Blick in die Klimavergangenheit hilfreich zur Einschätzung der aktuellen Situation sein.

Wir wissen heute, daß Temperatur-Oszillationen in der Vergangenheit durchaus sehr häufig waren. Welche Folgen hätten wohl heute Oszillationen von nur 2,5K? Immerhin wären dies ganz normale Temperaturschwankungen eines außergewöhnlich stabilen Holozäns, unserer gegenwärtigen Interglazials. Nicht zu vergessen sind in diesem Kontext Schwankungen des Meeresspiegels um mehrere Meter während des Atlantikums, aber auch zu Beginn unserer Zeitrechnung mit erheblichen Veränderungen der Küstenlinien. Könnte es sein, dass vor allem die Spezies Mensch sich Normalität, d.h. Dynamik der Natur in ihrer hochtechnisierten und stark bevölkerten Welt (z.B. an den fruchtbaren Meeresküsten und auf den Schwemmlandebenen der Flüsse) gar nicht mehr leisten kann? Jedenfalls handelt es sich um eine ausschließlich anthropozentrische Sicht der Dinge.

top

Galten für den Umweltschutz noch vor einigen Jahren, für manchen Umweltschützer aber noch heute, der Waldbrand, die Waldweide, der Orkan, die Sturmflut, die Überschwemmung, der Lawinenabgang, aber auch die Hitzewelle, als ökologisch schädlich, so wissen wir heute, dass Standort-Stabilität auch Stagnation ist. Es gibt eben auch das fruchtbare Desaster. Die Schaffung neuer Standortbedingungen ist meistens unabdingbare Voraussetzung für hohe Artendichte, aber auch für Evolution schlechthin. Mit Staunen mussten Naturschützer die Entfaltung eines ungeheuren Artenreichtums nach angeblich ‚katastrophalen‘ Waldbränden im Yellowstone Nationalpark oder nach Lawinenabgängen in unseren Alpen registrieren.

Unabhängig von anthropogenem Einfluss gehören und gehörten lokal und temporär sowie in unterschiedlicher Intensität auftretende Brände durch Blitzschlag, Stürme, Überflutungen, Klimaschwankungen etc. zu jenen Standortfaktoren, welche die Dynamik und den Charakter von Landschaften bestimmen und immer bestimmt haben. Stabile Ökosysteme dienen nur der Species Mensch. Wenn auch die Sicherung der Lebensbedingungen durch ungefährdete Nutzung unterschiedlichster Ressourcen zu seinen elementarsten Handlungsmotiven zählt, so verdankt er evolutionsbiologisch seine genetisch bedingte Disposition zur Anpassung an neue Bedingungen doch der Umweltdynamik (und damit den vielen kleinen und großen Desastern), wie alle anderen Organismen auch. Die Einschätzung der Standortveränderungen als Katastrophe, d.h. die Bedrohung von Sicherheit, ist daher ein zutiefst menschliches Postulat. Hier gilt es umzudenken.

Die Veränderung unserer Umwelt und ihr - möglichst nachhaltiger - Gebrauch mit dem Ziel des Überlebens kann nur aus unserer und nicht aus der Perspektive des Frosches bewertet werden. Gleichwohl kann auch das Überleben der Froschpopulation für unser Wohlbefinden, d.h. z.B. auch ökonomisch, ethisch und ästhetisch von Bedeutung sein.

Schien z.B. neulich noch der Verbrauch unserer Umweltressourcen mit zwangsläufig katastrophalen Folgen eine unumstößliche Tatsache, gewinnt heute die Erkenntnis immer mehr Bedeutung, dass ein Verbrauch der Ressourcen gar nicht möglich ist, wohl aber ein qualitativer Wandel durch ihren Gebrauch. Der französische Ökologe René Dubos (1998) sprach in diesem Zusammenhang dann auch von der Nutzung der Umwelt gemäß den sich wandelnden biologischen Bedürfnissen! Er sprach sich vor allem gegen jene Vorstellung aus, die den Menschen fortwährend als Aggressor und die Natur als Opfer sieht und betonte die Wechselwirkung in der Einheit von Mensch und Umwelt.

Priorität muss in Zukunft jenem Umwelt-Management gegeben werden, welches die nachhaltige, d.h. zukunftsorientierte Nutzung funktionierender und menschenverträglicher Ökosysteme zum Ziel hat. In diesem Kontext ist auch jeglicher Artenschutz zu verstehen. Solange während eines Waldspaziergangs der unabänderliche und tausendfache Tod von Kleinstlebewesen unser Bewusstsein nicht erreicht 22a, alleine individuelle oder Gruppen-Sympathien über das Wohl und Wehe der Arten entscheiden (hier sei noch einmal an das oben erwähnte Tiger-Hai-Beispiel erinnert!), nicht jedoch die Kenntnis von ihrer ökosystemaren Funktion, gehen alle Umweltschutzbemühungen ins Leere.

top

4 - Folgerungen und Forderungen

Aus naturwissenschaftlicher und anwendungsorientierter Sicht, vor allem aber auch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskussion um die philosophisch-ideologisch belastete Natur, ist die Verwendung des Bergriffes Umwelt zur Beschreibung der Lebensräume unterschiedlichster Arten in der Biosphäre wertfreier. Der Mensch ist mitnichten verantwortlich für die gesamte Natur (zu ihr gehört weit mehr als nur unser Planet), jedoch ohne Zweifel für seine Umwelt (zu welcher mittlerweile - direkt oder indirekt - alle Teile der Biosphäre zu rechnen sind). Verantwortliches, d.h. auch in die Zukunft gerichtetes Handeln (was zwangsläufig Modifikation unterschiedlichster Umwelten darstellt) setzt unabdingbar die Kenntnis eben dieser Umwelten voraus, d.h. das Wissen um die verschiedensten ex- und internen Funktionszusammenhänge ihrer Ökosysteme sowie ihre sozio-ökonomische Bedeutung in Gegenwart und Zukunft. Für den Biologen gehört dazu ebenso das Wissen von potentiellen (genetischen und ontogenetischen) Anpassungs- und Ausbreitungsfähigkeiten von signifikant umweltverändernden Arten (z.B. der Neophyten) sowie die Kenntnis von der Variationsbreite der abiotischen und biotischen Eigenschaften der von diesen Arten besiedelten Standorte. Ganz generell setzt aber pragmatischer Umweltschutz, d.h. der Schutz menschlicher Lebensgrundlagen, vor allem die ideologie- und damit verklärungsfreie Bewertung und Begründung dessen voraus, was wir mit einem Regelwerk von Gesetzen und Verordnungen schützen wollen. Eine streng wissenschaftlich begründete ökosystemare Betrachtungsweise schließt den expliziten Anthropozentrismus und metaphysische Verklärungen aus. Begriffe wie "Naturnähe" und "Natürlichkeit" sind irreführend und sollten nicht verwendet werden, da sie die Kenntnis unbekannter Zustände suggerieren. Vor allem dann, wenn sie rückwärtsgewandt sind und spekulativen Charakter haben.

Umwelt-Zustände lassen sich heute am ehesten mit unterschiedlichen Graden menschlicher Beeinflussung darstellen, wie sie (oben bereits vorgestellt) von Jalas entwickelt und Sukopp modifiziert wurden. Das ‚Wieso‘ des Umweltschutzes dagegen grob mit den in der Agenda 21 formulierten Zielen , z.B. in der ‚Convention on Biodiversity‘ (Rio "Earth Summit"). Direkte und indirekte ökonomische Aspekte genießen hier Priorität.

  • Utilitarian values (i.e., medical use of plants, agricultural gene stocks, and fisheries as a food source)
  • Indirect utilitarian values (i.e., ecosystem services such as air quality and climate amelioration)
  • Recreational and aesthetic values
  • Intrinsic, spiritual, and ethical values


Auch die Erreichung dieser Ziele ist nur durch fundierte ökosystemare Kenntnisse möglich, was nicht oft genug betont werden kann. Ideologisch geprägte Bewertungen und Natur-Mystifizierungen, aber auch nicht verifizierbare Tatsachenbehauptungen sind dagegen kontraproduktiv. Dazu fragte Hubert Markl (1991) sinngemäß in einem Betrag zur "Wissenschaft und Ethik": "Woher sollten wir Kenntnis über die naturwissenschaftlich definierte Wirklichkeit, d.h. die Umwelt, in der wir leben, erlangen, wenn nicht von jenen Erkenntnisspezialisten, die frei von Sonder-, vor allem Eigeninteressen allein der wissenschaftlichen Zuverlässigkeit verpflichtet forschen?"

top

Wenn auch bereits Anfang des letzten Jahrhunderts zahlreiche wissenschaftliche Publikationen auf einschneidende Umweltprobleme durch Industrie und Landwirtschaft aufmerksam machten, so rückten diese doch erst in das Bewusstsein der Öffentlichkeit durch Bürgerinitiativen und Nichtregierungs-Organisationen. Auch wenn diesen ganz ohne Zweifel eine wichtige Funktion bei der Aufdeckung von Verstößen gegen den Umweltschutz, oder der Gefährdung von Tier- und Pflanzenarten sowie ihren Lebensräumen zukommt und auch in der Zukunft zukommen wird, so muss doch kritisch gefragt werden: wer legitimiert sie und wie seriös bzw. fachlich kompetent sind sie wirklich? Wird nicht gerade durch unabgesicherte Katastrophenmeldungen oft das Gegenteil erreicht, nämlich eine Abstumpfung der Öffentlichkeit gegenüber real existierenden Umweltproblemen? 23

Nicht zu unterschätzen ist auch die bewußtseinsprägende Macht sensationslüsternder Medien. Es sind die von ihnen transportierten und simplifizierten Wirklichkeiten, die für weite Teile der Bevölkerung (ganz sicher nicht nur für die "Einfältigen und geringen Leuthe" 23-1) Realitätsbewußtsein bestimmen. In dem Bemühen, möglichst kein Schlagwort auszulassen, kommt es dann auch zu absurden Meldungen. So z.B., wenn die Natur f ü r (!?) die Natur zur Katastrophe wird, konkret, der Weststurm über der Nordsee die Größe der friesischen Inseln reduziert (vgl. Geschichte der Insel Sylt - Link neu, 13.05.05), Vulkane einmalige Natur (!) unter sich begraben. Was aber ist real, was sind die Fakten?

Die Naturschutzbewegung der letzten Jahrzehnte soll hier keinesfalls in Frage gestellt werden. Ihr ist generell ein geschärftes Umweltbewußtsein zu verdanken. Mit ihrer politischen Etablierung und letztlich der Übernahme von Regierungsverantwortung werden jedoch Fragen und Antworten zur Durchsetzbarkeit wesentlicher Ziele zunehmend konträr diskutiert, besonders innerhalb der Bewegung selbst zwischen sogenannten ‚Realpolitikern‘ und ‚Fundamentalisten‘ mit einem nicht selten ideologisch geprägten Naturverständnis. Dies vor allem auch vor dem Hintergrund der Bewertung des Ist-Zustandes und der Dynamik anthropogen bedingter Umweltveränderungen. Weit gehen die Ansichten auseinander zur Bewertung von Flächengebrauch und -umwidmung, Energiegewinnung und Gentechnologie.



22a: Es ist durchaus nicht banal, wenn Arthur Schopenhauer sagt: "Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen." Gleichwohl: Allein durch unsere Existenz wird Leben ausgelöscht und erhält anderes erst die Möglichkeit zu überleben.
23: Aus MARKL(1991), S. 53: "Es ist nicht immer der der beste Freund, der uns am glaubwürdigsten Schrecken auszumalen und vorherzusagen weiß. Kassandra ist zwar populär, aber ihr Ruf ist auf ein scheinheiliges Kalkül begründet: Trifft das Unglück, das sie vorhergesagt hat, ein, so hat sie recht; ereignet es sich nicht, so hat sie es eben mit ihrer Warnung erst verhindert."
23-1: Zeitungen hätten vor allem das "Fassungsvermögen ... des größten Hauffens in der Welt" zu berücksichtigen, so bereits vor 250 Jahren (!) das Motto des Verlegers und Redakteurs Dietrich Christian Milatz (nach Böning & Weber "Politik für Alle" in DIE ZEIT vom 29. Juni 2000)

top

Ursachen und Prognosen, vor allem aber notwendige Schritte zur nachhaltigen Nutzung unserer Umwelt, zur Energiegewinnung und Gentechnologie, sind auch in der Wissenschaft heftig umstritten. Eine Orientierung fällt dem Laien schwer, wenn selbst Spezialisten ihre Horrorprognosen regelmäßig abschwächen oder sogar widerrufen. Weniger aufgeregte Vorschläge zum Umweltmanagement, basierend auf fundierten Erkenntnissen der ökologischen Disziplinen, finden im ideologisch geprägten Wettstreit der Parteien, aber auch der sensationshungrigen Medien, nur noch selten Gehör.

Zu den vornehmsten Zielen des seriösen Umweltschutzes gehört die nachhaltige ökonomische Nutzung der Naturressourcen. Zu berücksichtigen sind dabei auch die sich wandelnden Befindlichkeiten im Erleben von Umwelt, denn Unwohlsein in ihr mindert die Produktivität der Gesellschaft. Zu den elementaren Überlebensinteressen ausschließlich des Menschen gehören deshalb auch ästhetische Kriterien, die zum Natur-(Erlebnis) des Menschen gehören, jedoch nicht überall die gleichen sind! Auch die Convention of Biological Diversity lässt neben primären ökonomischen Aspekten die ästhetischen und ausschließlich kulturell-religiös bedingten nicht außer Acht. Hier jedoch scheiden sich deutlich die Geister. Mit anderen Worten, was dem einen die von ‚Alten Zeiten‘ raunende Thing-Eiche, ist dem anderen bestenfalls ein besonders willkommener Schattenspender. Auch wenn es uns fernliegt, die kultische Bedeutung des Ayers Rock geringzuschätzen, so sind wir doch nicht in der Lage, ihm mit der gleichen Ehrfurcht zu begegnen wie die Aborigines. Gerade ethische und ästhetische Aspekte sind nicht allgemein verifizierbar und schon gar nicht übertragbar auf andere Kulturen bzw. Wertesysteme 24.

Generell gilt daher, dass ökologisch begründetes Landschaftsmanagement nach den multidimensionalen Funktionen von Standorten zu fragen und Funktions- und Prozessschutz im Gegensatz zum konservierenden Umweltschutz zu fordern hat, wie dies zum Beispiel im Land Baden-Württemberg durch das Projekt "Angewandte Ökologie" (PAÖ 1995) bzw. durch das ‘Zielartenkonzept’ (Walter et al. 1998) versucht wird zu realisieren. Einen Modellfall für das Zusammenspiel von Ökologie und Ökonomie liefert auch das Beispiel 'Naturpark Südschwarzwald'.

Der pragmatische Schutz unserer Umwelt verlangt einerseits eine Darstellung seiner Prämissen und andererseits eine Transparenz der Planungsvorgänge und die Einsicht aller Beteiligten für das notwendige Management. So ist Erfolg überhaupt nur möglich. Die unsachliche Naturverklärung und der Schutz um des Schutzes Willen, d.h. ohne ausreichende, vor allem ökologische und damit ökonomische Begründung, schadet unserer Umwelt, ja pervertiert letztlich auch den Umweltschutzgedanken.



24: Ebenso wie unreflektiert, d.h. ohne Berücksichtigung tradierter sozioökonomischer Prämissen, oktroyierte Wirtschaftssysteme auf Schwellen- und Drittländer, gerät auch missionarischer Ökologismus leicht zum Kulturimperialismus.

top

Für die Praxis des Umweltschutzes bzw. des Umweltmanagements unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit bedeutet dies, die Bedeutung ökosystemarer Zusammenhänge und die Relevanz abiotischer und biotischer Umweltparameter für das eigene Fortbestehen zu erkennen und zu belegen, um diese gegenüber konkurrierenden Interessen gleichberechtigt vertreten zu können. Voraussetzung dafür ist unabdingbar die Kenntnis von Geschichte und Funktion der Landschaft, um aktuelles Erscheinungsbild und Inventar zu verstehen. Bei der Einschätzung neuer Funktionen können Konflikte vor allem bei der Bewertung typischer Kulturlandschaften nicht ausbleiben. Z.B. genießen Landschaften mit mosaikartiger Struktur und hoher Artendiversität des ausgehenden 19. Jahrhunderts heute eine besondere Wertschätzung. Warum aber sind es nicht die wesentlich monotoneren Landschaften mit wesentlich geringerer Artendiversität von vor etwa 8.000 Jahren? Trefflich kann auch darüber gestritten werden, ob die Heidelandschaften Niedersachsens als Produkt der Weidewirtschaft dem sich wiedereinstellenden Eichen-Buchenmischwald vorzuziehen sind. Ganz wesentlich wird dies vom herrschenden Zeitgeist und weniger vom Grad der Hemerobie abhängig sein. Ist es aber nicht immer der jeweils größte Nutzen, nach dem zu fragen ist?

Wenn auch von manchen der Kompromiss zwischen Ökologie und Ökonomie als nicht realisierbar, als zu idealistisch gesehen wird, so ist doch durch die Tatsache, dass der Mensch Teil der Natur ist, eine Versöhnung dieser durchaus nicht gegensätzlichen Aspekte unausweichlich.

Das nachhaltige Management der begrenzten Ressourcen des Naturhaushalts und die nachhaltige Wirtschaft sind aus der Perspektive des Menschen identisch.


Zu fordern für einen effizienten Umweltschutz sind daher:


  • Ent-Ideologisierung & Ent-Mystifizierung der Phänomene Natur und Kultur und damit Abkehr von anthropozentrisch-dualistischer Sicht auf die Natur;
  • Pragmatisch-nachhaltige Nutzung ökosystemarer Wirkungsgefüge bei gleichzeitiger Erhaltung von Stabilität und Produktivität der Umwelt;
  • Ökonomisch begründbare Erhaltung und Förderung von Biodiversität;
  • Gebiets-, Funktions- und Prozessschutz zur Erreichung der Ziele, welche in der ‚Convention on Biodiversity‘ gefordert werden;
  • Transparenz von Ökosystem-Management und qualifizierte Mitsprache aller involvierten Einzelinteressen und Interessengruppen (stakeholder-involvement);
  • Öffentlichkeitsarbeit zur Identitätsbildung für eine nachhaltig ökonomisch zu nutzende Umwelt;


top

zu den Kapiteln:  [  1  ]    [1.1]     [1.2]    [  2  ]     [  3  ]    [3.1]     [3.2]    [  4  ]     [  5  ]

5 - Zitierte Literatur

  • BINNIG, G. (1997) Aus dem Nichts. Über die Kreativität von Natur und Mensch.- Piper Verlag.
  • BLECH, J. (2000) Leben auf dem Menschen.- Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg.
  • BOYLE, R. (1682) A free Inquiry into the Vulgarly Received Notion of Nature.- In: Works, Bd. 5, London 1772: 158-254.
  • DUBOS, R.J. (1998) So Human an Animal: How We Are Shaped by Surroundings and Events.- Transaction Pub.
  • ENDTMANN; E. (1998) Untersuchungen zur spät- und nacheiszeitlichen Vegetationsentwicklung des Leckerpfuhls (Mönchsheider Sander, NE-Brandenburg).- Verh. Bot. Ver. Berlin Brandenburg 131: 137-166.
  • FRIEDRICH, M., I.BOEREN, S.REMMELE, C.ESCHENBACH, M.KÜPPERS, M.KNIPPING, H.-P.STIKA, T.BÖTTGER, J.VOLBRECHT, A.RENNO & O.ULLRICH (2002) Der spätglaziale Wald im Tagebau Reichwalde - Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt.- Verh. der Gesellschaft f. Ökologie, Band 32: 467.
  • FUKAREK, F. (1988) Ein Beitrag zur Entwicklung und Veränderung der Gefäßpflanzenflora von Mecklenburg.- Gleditschia 16: 69-74.
  • GLEICH, M., D. MAXEINER, M. MIERSCH & F. NICOLAY (2000) Life Counts - Eine globale Bilanz des Lebens.- Berlin Verlag.
  • GOULD, S.J. (1999) Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution. - Fischer Taschenbuch Verlag.
  • GOULD, S. J. (1991) Zufall Mensch.- Hanser Sachbuch.
  • HABER, H. (1992) Eiskeller oder Treibhaus. So zerstören wir unser Klima.- Ullstein Sachbuch.
  • HARDIN, G. (1968) The Tragedy of the Commons - The population problem has no technical solution; it requires a fundamental extension in morality.- Science, Vol. 162, No. 3859: 1243-1248.
  • HARTIG, G.L. (1808) Lehrbuch für Förster (1. Band).- Cotta’sche Buchhandlung, Tübingen.
  • HARTIG, G.L. (1791) Anweisung zur Holzzucht für Förster.- Neue Akad. Buchh., Marburg.
  • HERZOG, H., B. ELIASSON & O. KAARSTAD (2000) Die Entsorgung von Treibhausgasen - Das Deponieren von Kohlendioxid unter der Erde oder in der Tiefsee wäre vermutlich eine preiswertere Methode zum Klimaschutz als der Umstieg auf erneuerbare Energien.- Spektrum der Wissenschaft, Mai 2000, S. 48.
  • HUBER, P. (2000) Hard Green: Saving the Environment from the Environmentalists (A Conservative Manifesto). - Basic Books.
  • JALAS, J. (1955) Hemerobe und hemerochore Pflanzenarten. Ein terminologischer Reformversuch.- Acta Soc. Fauna Fl. Fenn. 72, 11: 1-15.
  • KOWARIK, I. (1999) Natürlichkeit, Naturnähe und Hemerobie als Bewertungskriterien.- In: KONOLD et al. (Hrsg.) Handbuch Naturschutz und Landschaftspflege, Beurteilungskriterien V-2.1: 1-18.- ecomed, Landsberg.
  • KOWARIK, I. (1988) Zum Einfluß des Menschen auf Flora und Vegetation. Theoretische Konzepte und ein Quantifizierungsansatz am Beispiel von Berlin (West).- Landschaftsentwicklung und Umweltforschung 56.
  • KÜSTER, H. (1998) Geschichte des Waldes - Von der Urzeit bis zur Gegenwart.- C.H.Beck.
  • LAMB, H.H. 1972: Climate: Present, Past, and Future.- Vol.1: Fundamentals and Climate.- Methuen, London, 613pp.
  • LAMB, H.H. 1977: Climate: Present, Past, and Future.- Vol.2: Climatic History and the Future.- Methuen, London, 837pp.
  • MARKL, H. (1998) Wissenschaft gegen Zukunftsangst.- Carl Hanser Verlag.
  • MARKL, H. (1995) Pflicht zur Widernatürlichkeit.- DER SPIEGEL, Nr. 48.
  • MARKL, H. (1991) Freiheit der Wissenschaft, Verantwortung der Forscher. - In: LENK (Hrsg.) Wissenschaft und Ethik. - Reclam, S. 40-53.
  • METZINGER, T. (1999) Subjekt und Selbstmodell. - Mentis.
  • NAVEH, Z. & A. LIEBERMANN (1994) Landscape Ecology - Theory and Application.- Springer Verlag (2. Ed.).
  • OBERDORFER, E. (1994) Pflanzensoziologische Exkursionsflora, 7. Aufl.- UTB 1828.
  • PAÖ (1995) Projekt "Angewandte Ökologie", 3. Statuskolloquium, 7. und 8. März 1995, Schloß Ettlingen.- Berichte Umweltforschung Baden-Württemberg, Band 12 (1.Aufl.).- Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Karlsruhe.
  • PFISTER, Ch. (1999) Wetternachhersage - 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen.- Verlag Paul Haupt.
  • PICHT, G. (1989) Der Begriff der Natur und seine Geschichte. - Klett-Cotta.
  • POPPER, K.R. (1997) Alles Leben ist Problemlösen.- Piper Verlag.
  • SIEFERLE, R.P. (1998) Die totale Landschaft. - In: Kursbuch - Neue Landschaften, Heft 131, S. 157.
  • SIEFERLE, R.P. (1997) Rückblick auf die Natur - Eine Geschichte des Menschen und seiner Umwelt. - Luchterhand.
  • SUKOPP, H. (1997) Indikatoren für Naturnähe.- In: Bundesministerium f. Umwelt, Naturschutz u. Reaktor-sicherheit (Hrsg) Ökologie, Grundlage einer nachhaltigen Entwicklung in Deutschland.- Tagungsband zum Fachgespräch, 29. und 30. April 1997 im Wissenschaftszentrum Bonn - Bad Godesberg, pp. 71-84.
  • SUKOPP, H. (1995) Neophytie und Neophytismus.- In: BÖCKER et al. (Hrsg.) Gebietsfremde Pflanzenarten ...- ecomed: 3-32.
  • SUKOPP, H. (1976) Dynamik und Konstanz in der Flora der Bundesrepublik Deutschland.- Schr.Reihe Vegetationskunde 10: 9-26.
  • SUKOPP (1969) Der Einfluss des Menschen auf die Vegetation.- Vegetatio, Vol. XVII: 360-371.
  • SUKOPP, H. (1968) Der Einfluss des Menschen auf die Vegetation und zur Terminologie anthropogener Vegetationstypen.- In: TÜXEN (ed.) Pflanzensoziologie und Landschaftsökologie.- Bericht über das Internationale Symposium in Stolzenau/Weser 1963 der Internationalen Vereinigung für Vegetationskunde, pp. 65-74.- Verlag Dr. W. Junk N.V., Den Haag.
  • SUKOPP, H. & S. ZERBE (1998) Fazit des Themenblocks 2 "Ziele des Naturschutzes für natürliche und naturnahe Lebensräume".- In: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.) "Ziele des Naturschutzes und einer nachhaltigen Naturnutzung in Deutschland.- Tagungsband zum Fachgespräch, 24. und 25. März 1998, Geogr. Inst. Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität, Bonn.
  • TATTERSALL, I. (2000) Wir waren nicht die Einzigen - Warum von allen Menschen nur der Homo sapiens überlebte.- Spektrum der Wissenschaft, März 2000: 46-53.
  • TREPL, L. (1981) Ökologie und ‚ökologische‘ Weltanschauung - Zurück zur Natur, eine Konsequenz ökologischer Erkenntnisse? - Natur und Landschaft, 56. Jg., Heft 3: 71-75.
  • Van der MAAREL, E. (1971) Florastatistieken als bijdrage tot de evaluatie van natuurgebieden. - Gorteria.
  • Von LERSNER, H. (1999) Zum Rechtsbegriff der Natur.- Natur und Recht, Heft 2, 21. Jahrgang, S. 61-63.
  • WATZLAWICK, P. (1978) (Hrsg.) Die erfundene Wirklichkeit - Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? - Beiträge zum Konstruktivismus.- Piper Verlag.
  • WALTER, R., H. RECK, G. KAULE, M. LÄMMLE, E. OSINSKI & T. HEINL (1998) Regionalisierte Qualitätsziele, Standards und Indikatoren für die Belange des Arten- und Biotopschutzes in Baden-Württemberg - Das Zielartenkonzept - Ein Beitrag zum Landschaftsrahmenprogramm des Landes Baden-Württemberg.- Natur und Landschaft 73 (1): 9-25.
  • WILLMANN, U. (2000) Das Tier in uns.- DIE ZEIT, Nr. 14.
  • WILLMANN, U. (2000) Der Friedhof der Kuscheltiere.- DIE ZEIT, Nr. 06.
  • ZERBE, S. (1998) Potential natural vegetation: validity and applicability in landscape planning and nature conservation.- Applied Vegetation Science 1: 165-172.
  • ZERBE, S. (1997) Stellt die potentielle natürliche Vegetation (PNV) eine sinnvolle Zielvorstellung für den naturnahen Wald dar?- Forstw. Cbl. 116: 1-15.
    back

top

Anregungen und Kommentare?
email


© Harald Kehl - TU-Berlin
All rights reserved according to BC and UCC


No part of this publication may be reproduced or republished, stored in a retrieval system, or transmitted in any form or by any means, electronic, mechanical, photocopying or otherwise
without the prior permission of th ecopyright owner. Translations of this page into other languages are not authorized. Application for such permission, with a statement of the purpose and extent of the reproduction, should be addressed to Dr. Harald Kehl, Technische Universität Berlin, Institut für Ökologie, Sekr. ACK 13, Ackerstr. 76, D-13355 Berlin (Germany). Reproduction without the written permission of the publisher is expressly forbidden, except for the purposes of reviews, and blank character sheets, which may be reproduced for personal use only. Redistribution for profit prohibited.





updated on
8-09-2016