TU-BERLIN Erläuterungen zur Vorlesung TWK an der TU-Berlin
Inst. f. Ökologie

Vegetationsökologie Tropischer & Subtropischer Klimate

von PD Dr. H. Kehl
LV-TWK-Kehl
 
 
Die Klimadebatte
Oft nur eine "Rede über das Wetter"?
Suchfunktion
Teil 1: I Bemerkungen zur Klimadebatte und neuen globalen "Verantwortung"
    II Das Niveau der Klimadebatte VI Stand der Dinge - nur wenige Aspekte
    III Eine Welt voller Widersprüche VII Katastrophen haben immer Konjunktur
    IV Temperaturzunahme seit der "Kleinen Eiszeit" VIII Unterschätzte Risiken - das eigentliche Problem?
    V Diskussion um u. Anspruch auf den Konsens   Mehr Links zum Thema "Global Warming"
Teil 2: Erkenntnisse zu und Interpretationen der aktuellen Klimaentwicklung
Teil 3: Bedeutung der Sonnenfleckenaktivität - gering oder hoch?
   
Teil
1: [VIII]  Unterschätzte Risiken - das eigentliche Problem? Hinweis bitte beachten!
   
 

Zum Bemühen, sich die "schroeckliche Wildnis" untertan zu machen:

"Die Natur ... zeigt sich uns jeden Augenblick von einer anderen Seite. Jede Seite ist wahr, aber nicht alle sind gleich schön."

  Diderot (aus "Die Natur dem Menschen untertan" von Makowski & Buderath, 1983: 261)
VIII
 
 
Nutzung der Umwelt u. ihrer Ressourcen bei exponentiell ansteigender Weltbevölkerung.
   
 

Auch bei stetig steigender und mittlerweile in verschiedenen Landschaften extrem hoher Besiedlungsdichte und der Notwendigkeit infrastruktureller Erschliessung, ist zu fragen,

  • ob die intensive Besiedlung der Hänge "jüngerer" Vulkane (z.B. der "tickenden Zeitbomben" Vesuv und Ätna von mehr als 200 aktiven Vulkanen), hoch aktiver Verwerfungslinien (z.B. San Francisco über und Los Angeles neben der Sankt-Andreas-Spalte),
  • ob der Bau von Grossbrücken über tektonische Dehnungszonen (z.B. über den Golf von Akaba als Teil des hoch aktiven Grossen Afrikanischen Grabenbruchs),
  • ob die Besiedlung potentieller Überschwemmungsgebiete (z.B. von Flussniederungen und Stauzonen, extrem flacher Küsten oder Inseln, niedriger Deich-Hinterländer, die unterhalb des Meeresspiegels liegen),
  • ob der Bau von Staudämmen in den Tälern von Verwerfungslinien (bei San Francisco) etc., oder enger Gebirgstäler mit potentiellen Gravitationsprozessen (z.B. mit Fels- und Bergstürzen) bzw. generell fragilen und damit höchst dynamischen Ökosystemen, so sinnvoll ist?
  • Und ob die völlige Ausschöpfung nicht regenerierbarer Ressourcen (z.B. fossile Energieträger oder Grundwasser in ariden Gebieten), oder ob die katastrophale Überfischung der Meere einerseits und andererseits die extreme Belastung der Meere mit hoch toxischen Abfallstoffen, evtl. mit - systembedingter - Risikoverdrängung zu tun hat?

    Abb. rechts oben: Versicherungsrelevante"Katastrophenentwicklung" von 1950 - 1999 [date of access: 03.02.05]

Wirklich gefährlich ist das fehlende Risikobewusstsein, oder die Verdrängung von Risiken in der Umwelt besonders dann, wenn Extremereignisse nur höchst selten auftreten. "Die Stadt, die auf das Sterben wartet", war der Titel eines BBC-Films über San Francisco. Von elementarer Bedeutung ist daher, sich bewusst zu sein, dass in unserer Umwelt die "Stabilität des Standortes und das ökologische Gleichgewicht fatale Illusionen" sind (Kehl 2000).

Und bzgl. ganz normaler Dynamiken unseres Planeten, kann es nur darum gehen, mögliche Veränderungen wissenschaftlich zu verifizieren, um 1. für den Menschen potentiell gefährliche Landschaften nicht zu besiedeln, 2. darauf vorbereitet zu sein und 3., um evtl. Schutzmassnahmen rechtzeitig einzuleiten und ganz sicher nicht darum, die Welt anzuhalten. Ganz wesentlich gehört zum weltweiten Umweltschutz die Katastrophen-Prävention, d.h. die vorsorgende Verhinderung von potentiellen Gefährdungen des Menschen und seiner Infrastruktur. Und geradezu eine Bedingung ist daher, dass:

gefährliche Landschaftsnutzungen rückgängig gemacht werden (z.B. die Bebauung von Flussniederungen oder unmittelbaren Strandbereiche der Meere), auch wenn dies politisch noch so unpopulär ist.

In Bezug auf die Gefährdung von Küsten durch tropische Zyklone (z.B. Hurrikane), wurde verschiedentlich von Wissenschaftlern auf die verantwortungslos hohe und zunehmende Besiedlungsdichte hingewiesen. In der Zukunft zunehmende versicherungsrelevante "Natur"-Katastrophen sind dadurch unausweichlich und müssen bei weiterhin exponentiell zunehmender Weltbevölkerung zwangsläufig immer katastrophalere Ausmasse annehmen.



B
zgl. Ressourcenver- und gebrauch und nachhaltiger Ressourcennutzung sind z.B. zur Entlastung und als Ersatz für fossile Energieträger sogenannte "erneuerbare/regenerierbare" Energien
*1 einzusetzen. Aber auch hier sind durchaus katastrophale Entwicklungen für Umwelt und Gesellschaft möglich.

Die Herstellung von Biokraftstoff / Biosprit / Biodiesel - oft auch "Agrosprit" genannt, kann zu immensen Problemen bei der Nahrungsmittelproduktion, der Verwertung landwirtschaftlicher Flächen und letztlich zu einer Erhöhung der CO2 - Emissionen führen. Vgl. Sie dazu unbedingt die folgenden Beiträge!

   
 
Résumé zu den oft unterschätzen natürlichen, inkl. anthropogen bedingten, Umweltrisiken:
   
 

"Natürliche Extremphänomene sind NICHT die alleinige Ursache für Verheerungen, denn da ist auch noch der Mensch. Er beansprucht immer mehr Raum für sich und wohnt in immer höherer Dichte auch in potenziell gefährdeten Regionen.

Das bedeutet:

  • Falsche Siedlungspolitik und Landschaftsnutzung sowie steigende Wertkonzentrationen und fragile Techniken und Strukturen in Gefahrenzonen tragen zu den hohen menschlichen und finanziellen Verlusten bei."


Dr. Lars Dittert (Geologe und Wissenschaftsjournalist) in einer Besprechung eines umfangreichen Reports von 40 Mitgliedern des
Deutschen IDNDR (Intern. Decade f. Natural Disaster Reduction) Komitees für Katastrophenvorb. e.V. im Spektrum der Wissenschaft (SdW) vom 28.Nov. 2001. Vgl. auch: UN-ISDR (United Nations - Intern. Strategy for Disaster Reduction) Report [date of access: 13.01.05]

   
 
 

Mit einem Zitat von Christian Pfister (1999) Wetternachhersage.- Verlag Paul Haupt, soll abschliessend auf das problematische Verhältnis von Wissenschaft und Politik hingewiesen werden:

"In Öffentlichkeit und Politik sind wissenschaftliche Ergebnisse als solche nicht konsensfähig. Vielmehr werden sie dort auf nationaler und globaler Ebene zum Spielball von Interessengruppen. Dies umso mehr, als sie nur den Charakter von Indizien tragen und nicht als Beweise im strengen Sinne des Wortes gelten können. Zur Frage, wann sich ein Verdacht hinreichend verfestigt habe, um die Entscheidungsinstanzen zu alarmieren, hat uns die Wissenschaft selbst nichts mitzuteilen. Sie orientiert sich dabei an wissenschaftsexternen Erwartungen und Erfahrungen, die von Kultur zu Kultur sehr schwanken (Lübbe, 1997). Eine ausschlaggebende Rolle bei der Zurückhaltung der Wissenschaft in der Klimaproblematik dürften in Mitteleuropa die Erfahrungen mit der Diskussion um das "Waldsterben" in den 1980er Jahren gespielt haben (Thomas, 1992; Holzberger, 1995; Vincenz, 1998). Die unmittelbaren Folgen des Vitalitätsverlustes der Wälder wurden damals bekanntlich von den federführenden Wissenschaftlern überschätzt. Die Alarmstimmung erwies sich kurzfristig als unbegründet, ein Prozess, den populistische Politiker [nicht nur die und sehr zu recht, Anm. Autor] als "Waldsterbehysterie" brandmarkten. Das Ergebnis der Diskussion, die Durchsetzung des Katalysators, möchten aber selbst diese Kreise nicht rückgängig machen ..." (S. 266)

Hinweis:
Wie man sich leicht überzeugen kann, hat die "Zurückhaltung der Wissenschaft in der Klimaproblematik" seit 1999 deutlich nachgelassen. Pfister hält die starke Erwärmung seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts für vermutlich anthropogener Natur. Bzgl. Einmaligkeit des Erwärmungschubs beruft er sich auf die kurz vor Publikation seines Buches erschienene Veröffentlichung von Mann et al. (1998) in Nature. Wie sich jedoch mittlerweile herausgestellt hat, ist die kurz als
MBH98/99 genannte Arbeit wissenschaftlich unhaltbar.

 
   
  Der Stand der Dinge
wurde m.E. exzellent zusammengefasst von John P. Bluemle (1999) GLOBAL WARMING: A GEOLOGICAL PERSPECTIVE.- Arizona Geology, Vol. 29, No. 4.
[date of access: 16.03.10]
 
 

Conclusions

"A review of research on past temperatures and variations led us to the following conclusions:

1.) Climate is in continual flux: the average annual temperature is usually either rising or falling and the temperature is never static for a long period of time.

2.) Observed climatic changes occurred over widespread areas, probably on the global scale.

3.) Climate changes must be judged against the natural climatic variability that occurs on a comparable time scale. The Little Ice Age, Medieval Warm Period, and similar events are part of this natural variability. These events correspond to global changes of 1-2oC.

4.) Global temperatures appear to be rising, irrespective of any human influence, as Earth continues to emerge from the Little Ice Age. If the temperature increase during the past 130 years reflects recovery from the Little Ice Age, it is not unreasonable to expect the temperature to rise another 2 to 2.5 degrees Celsius to a level comparable with that of the Medieval Warm Period about 800 years ago. The Holocene Epoch, as a whole, has been a remarkably stable period with few extremes of either rising or falling temperatures, as were common during Pleistocene glacial and interglacial periods. Nevertheless, the Holocene has been, and still is, a time of fluctuating climate.

5.) Climatic changes measured during the last 100 years are not unique or even unusual when compared with the frequency, rate, and magnitude of changes that have taken place since the beginning of the Holocene Epoch. Recent fluctuations in temperature, both upward and downward, are well within the limits observed in nature prior to human influence."

   
   
 

Um Missverständnissen vorzubeugen, hier ein Hinweis: Die explizit nachhaltige sowie - im Kant'schen Sinne - gerechte und verantwortungsvolle Nutzung unserer Umwelt - und ihrer Ressourcen - muss oberstes Gebot unseres Handelns sein. Dabei kann und darf es nicht sein, dass - zur Erreichung dieser Ziele (und mögen sie noch so ehrenhaft sein, was aber oft auf der politischen Bühne mit grossem Recht angezweifelt werden darf) - der Zweck die Mittel heiligt. Diese Forderung sollte vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Ereignisse eine besonders hohe Bedeutung haben. Nicht Lügen, Halbwahrheiten, Panikmache und Verdrängung, sondern nur ehrliche Aufklärung können zu langfristiger und globaler Verantwortlichkeit führen, auch ohne Mythen und Mystik zu bemühen und ohne missionarischen Eifer.

Aber fraglos zeigt die Klimadebatte eine masslose, eurozentristische Sicht der Dinge, wie sie sich nicht nur bei der einseitigen Kostenrechnung beim Emissionshandel, oder der Forderung nach Zurückhaltung bei der Landschaftsnutzung in Schwellen- und Entwicklungsländern manifestiert. Menschen der Subtropen und Tropen reiben sich da verwundert die Augen über den Eifer jener (auch NGOs) aus den temperaten Zonen Europas oder auch N-Amerikas.

Diese eurozentristische Sicht zeigt sich selbst auf traditionellen Kartenwerken. "Dieses geographische Weltbild ist geeignet, die Selbstüberschätzung des weissen Mannes, besonders des Europäers, zu verewigen und die farbigen Völker im Bewusstsein ihrer Ohnmacht zu halten." (Prof. Arno Peters am 6. Oktober 1967).

   
  Anmerkungen:
 
  *1:
"Nach den Gesetzen der Physik (1. und 2. Hauptsatz der Thermodynamik) kann Energie weder aus dem Nichts erzeugt noch vernichtet werden. Energie kann nur von einer in eine andere Energieform umgewandelt werden (auch wenn ihr technisch nutzbarer Anteil mit jeder Umwandlung kleiner wird). Von daher ist der Begriff „erneuerbare Energie“ aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht korrekt."
Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz (MLUV), Brandenburg
 
 

CLIMDAT: Klima - Umwelt - Mensch (1500-1800) Eine Dokumentation aussergewöhnlicher Witterungsbedingungen.

Vgl. Sie dazu auch "Stabilität des Standortes und ökologisches Gleichgewicht, die fatalen Illusionen", aus: "Konventionelles Naturverständnis vs. pragmatischer Umweltschutz. Ein unlösbarer Konflikt?" von H. Kehl, Vortrag an der Ev. Akademie Iserlohn am 29. Febr. 2000, im Rahmen der Tagung: "Natur unter Druck - Kooperative Wege für den Naturschutz, vom Landschaftsverbrauch zum Landschaftsgebrauch".

   
 
   
  Teil 1, Seite    I | II | III | IV | V | VI | VII | VIII
 
  Weiterführende Links zum Thema "Global Warming" etc. innerhalb dieser Website ( nur kurze Hinweise!):
   
  Das zyklische Auftreten von Kalt- und Warmzeiten im Laufe der Erdgeschichte.
Das zyklische Auftreten Warm- und Kaltzeiten (150 Mio. Zykluszeit / Eis-Zeitalter)
Das zyklische Auftreten Warm- und Kaltzeiten (125.000. Zykluszeit / Eiszeit-Zyklus)
Klimaschwankungen im Jungpleistozän und Holozän und Vegetationsgeschichte
Kurzer Überblick zur Klimageschichte
Literaturangaben zur Klimageschichte, kleine Auswahl
Globalklimatische Grundlagen und Entstehung von Vegetationszonen
Die glaziale und postglaziale Vegetationsgeschichte Afrikas
Postglaziale aride und humide Phasen in der Sahara Afrikas
Meeresspiegel während des LGM (120m unter NN) u. Simulation um +5m ü.NN
Glaziale bis postglaziale Nordseegeschichte
Entwicklung der Insel Sylt
Holozäne Optima und Pessima
2000 Jahre Temperaturentwicklung der nördlichen Hemisphäre, Bemerkungen zum "Hockeystick"
Sargasso Sea Surface Temperature (3000 BP - Present)
Der sogenannte Treibhauseffekt
Hurrikane haben nicht immer Saison
Elektromagnetisches Spektrum, Strahlungsenergie und Absorption
Die Bedeutung von Kohlendioxid
Der Kohlenstoffkreislauf - Ein kleiner Einblick
Das zyklische Auftreten von Sonnenzyklen
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